Vater der Migranten
Die Öffentlichkeit war damals zunächst nicht bereit, die Armutsauswanderung vor allem nach den beiden Teilen Amerikas wahrzunehmen. Dabei war allein in Scalabrinis Diözese Piacenza jeder Zehnte betroffen. Der Oberhirte, der wie der deutsche Sozialbischof Wilhelm Emanuel von Ketteler den ganzen Menschen erfasste, hat das Elend angeprangert, die Öffentlichkeit aufgeklärt und erfolgreich für ein Auswanderungsgesetz gewirkt. Papst Johannes Paul II. hat Scalabrini 1997 selig gesprochen, besonders wegen seiner Verdienste als Vater der Migranten - damals im Rahmen des Nationalstaats Patron für seine Landsleute, heute im Namen der Weltkirche für alle, die auf der Flucht sind.
Pfarrer Scalabrini kümmert sich um Arbeiter und bauern
Scalabrini kam aus einfachen Verhältnissen. Im Schoß seiner Familie erlebte er eine glückliche Kindheit, schaffte den Bildungsaufstieg als Priester. Zunächst Dozent in einem Klerikerseminar wurde er bald Pastor einer großen Pfarre am Stadtrand von Como, wo er mit Problemen der Kleinbauern und Textilarbeiter konfrontiert wurde. Er begnügte sich nicht mit Trostworten, sondern eröffnete ein Jugendheim und einen Kindergarten.
Den dynamischen jungen Hirten drängte es über den Wirkkreis seiner Pfarre hinaus. Er veröffentlichte ein Buch zum Ersten Vatikanischen Konzil und verteidigte in einer Predigtreihe das umstrittene Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit. Pius IX. wurde auf Scalabrini aufmerksam, nannte ihn einen Apostel des Katechismus und berief den 36-Jährigen schließlich zum Oberhirten von Piacenza. Von der Bischofskathedra setzte er seine Katechese fort: Er publizierte die erste italienische Zeitschrift und ein Handbuch für Katechetik, organisierte den ersten nationalen Katechetenkongress.
Doch der Theologe verleugnete nie seine soziale Ader. Auf seinen drei Diözesansynoden, die nach 150 Jahren wieder tagten, setzte Scalabrini sozialpolitische Themen auf die Agenda. Fünfmal besuchte er während seiner 30-jährigen Amtszeit die 365 Pfarreien seines Sprengels, in denen oft noch nie ein Bischof gesehen worden war. Er begünstigte die Mitwirkung der Katholiken am politischen Leben, denen Pius IX. wegen Verlust des Kirchenstaats noch strenge Enthaltsamkeit beim Aufbau des Nationalstaats verordnet hatte. Als Leo XIII. sich ab 1878 um Tauwetter bemühte, war Scalabrini Helfer des Brückenbauers.
Leo XIII. ließ durch Scalabrini einen Versuchsballon zur Lösung der römischen Frage aufsteigen. In Bologna erschien 1885 ein heiß diskutiertes Buch aus der Feder eines "versöhnlichen" italienischen Bischofs. Aber die Zeit für den Vatikanstaat war noch nicht reif. Offenbar in Unkenntnis, dass hinter dem anonymen Werk der Papst stand, wetterte der amtliche "Osservatore Romano" heftig gegen einen Kompromiss. Laizistische Ideologie und klerikale Kompromisslosigkeit schaukelten sich hoch. Aber die soziale Krise nötigte den liberalen Plutokratenstaat gegen Ende des Jahrhunderts zum Einlenken, zunächst in der Sozialpolitik.
Gründer von Instituten, Laienvereinen und Kongregationen
Hier war Scalabrini ein Leuchtturm selbstloser Nächstenliebe: Er besuchte Hospitäler und Gefängnisse, half bedürftigen Familien; der Bischof verkaufte den Fuhrpark, sogar seinen Kelch und das ihm von Pius IX. geschenkte Brustkreuz, um in einer Hungersnot zu helfen; er gründete ein Institut für Sprach- und Hörbehinderte, organisierte Kooperativen für Arbeiterinnen, gab Initialzündung für Genossenschaftskassen, förderte alle Formen sozialer Teilhabe in der katholischen Aktion.
Besonders wirkte Scalabrini mit Vorträgen und Publikationen, um für das Migrationselend die Augen zu öffnen. Nicht nur in Übersee: Welcher Reisende im Glacier-Express denkt bei Durchquerung des Albulatunnels daran, dass das Technikwunder mit 16 Todesopfern unter den Arbeitern, fast alle aus Italien, erkauft wurde? Als seine Appelle an die Politik nicht fruchteten, gründete er 1887 die "Congregazione dei Missionari di S. Carlo Borromeo", benannt nach dem heiligen Reformbischof von Mailand. Zwei Jahre später rief er den laiengetragenen Raffaelsverein zum Schutz der materiellen Interessen von ausgewanderten Familien ins Leben. Schlussstein im Bau seiner Hilfswerke waren die Missionsschwestern vom heiligen Karl Borromäus.
Der Bischof krönte seine Lebensarbeit mit Pastoralreisen zu seinen Scalabriniani und Scalabriniane in Amerika. Die Überfahrt nutzte er, um auf den Zwischendecks Migrantenschicksale kennenzulernen. Er starb am 1. Juni 1905 in Piacenza, als er die sechste Pastoralvisite seiner Diözese vorbereitete.
Von Anselm Verbeek (KNA)