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Matthias Drobinski über Horst Seehofer

Vater des vereinfachenden Denkens

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Schachfigur
Bonn - Matthias Drobinski über Horst Seehofer

Horst Seehofer, immerhin der Bundesinnenminister dieses Landes, hat die Migrationsfrage die "Mutter aller politischen Probleme im Land" genannt. Der CSU-Mann outet sich damit weder als Rechtsradikaler noch als Rassist, wohl aber als Vater des arg vereinfachenden Denkens. Politiker streiten, dazu sind sie ja auch gewählt, über die Mietpreisbremse und die Gesundheitsreform, die Arbeitsmarkt- und Europapolitik, über die Dienstpflicht und wie sich die Zahl der Organspenden erhöhen ließe. Und an all diesen Problemen ist der Migrant schuld? Vielleicht auch an der Dürre in Norddeutschland und den Bierpreisen auf dem Oktoberfest? Auf jeden Fall aber, jawohl, Herr Özil, am frühen Aus der deutschen Nationalmannschaft.

Das ist mehr als einfach nur skurril, das ist gefährlich. Seehofer lässt sich auf die Komplexitätsreduktion der Rechten ein, die kein Rentenkonzept brauchen, solange sie die Migration zur Überlebensfrage für Volk und Nation hochstilisieren. Merkt er, auf welch seifiger Rampe er da balanciert? 1879 schrieb der Historiker Heinrich von Treitschke den berüchtigten Satz: "Die Juden sind unser Unglück". Aus dem Osten, so argumentierte er, wandere eine unübersehbare "Schaar hosenverkaufender Jünglinge" ein, deren "Kinder und Kindeskinder" bald die Börsen und Zeitungen beherrschen und eine "deutsch-jüdische Mischcultur" schaffen würden; in der politisch korrekten deutschen Öffentlichkeit traue sich nur niemand, das so zu sagen. Das ist nun mehr Sarrazin als Seehofer – aber ein Innenminister sollte schon genau überlegen, in welche Argumentationslinien er sich stellt.

Vor allem, weil der Satz ja in der Sache nicht stimmt. Die Migration bringt eine Menge Probleme mit sich: Es kommen Menschen mit mangelnden Deutschkenntnissen und schlechter Bildung, archaischen Frauen- und Männerbildern, fundamentalistischem Religionsverständnis – und längst nicht alle können oder wollen ihre Parallelwelten verlassen. Es gibt Gewalt und Kriminalität. Schaut man sich aber an, was sich an Integration und akzeptierter Vielfalt seit den 80er Jahren entwickelt hat, kann man nur sagen: So schlecht ist die Lage nicht. Die große Mehrheit der Gekommenen zahlt friedlich Steuern und akzeptiert selbstredend die Gesetze, schickt auch Mädchen an Schulen und Unis; die Mehrheit der Einheimischen akzeptiert die neuen Nachbarn. Die Lage ist, wie so oft im Leben: gemischt, vielfältig, widersprüchlich.

Es ist gerade ein wunderbar nüchternes Buch des Sozialwissenschaftlers Aladin El-Mafaalani erschienen, der von einem "Integrationsparadox" spricht: Gerade weil die Integration einigermaßen gelungen ist, gibt es jetzt mehr Konflikte. Migranten und Einheimische sind sich nahe gekommen, das erzeugt Reibung, Streit um die Grenzen der Vielfalt, Identitätsdebatten bei Einheimischen wie Gekommenen– und auch Abwehrreaktionen. Es gibt Streit, weil die Grenzen zwischen fremd und einheimisch, Mehrheit und Minderheit fließend geworden sind – nicht, weil es hier den Block der geplagten Einheimischen und dort die Phalanx der fremden Problembären gibt.

Kann mal einer dem Innenminister das Buch schenken? Es könnte helfen.

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