Volker Schlöndorff zu "Heimsuchung": Deutsche Geschichte von unten
In seinem neuen Film "Heimsuchung", der seit Donnerstag in den Kinos läuft, will Regisseur Volker Schlöndorff (87) deutsche Geschichte "von unten" erzählen. Die großen geschichtlichen Ereignisse seien auch im kleinsten Dorf zu spüren – etwa durch die Menschen, die Natur und den Wandel eines Ortes, sagte er im Interview des Kinoportals filmdienst.de. Die Verfilmung von Jenny Erpenbecks 2007 erschienenem Roman "Heimsuchung" folgt einem Haus am brandenburgischen Scharmützelsee über fast ein Jahrhundert – von der Weimarer Zeit über Nationalsozialismus, Krieg, DDR und Wiedervereinigung bis in die Gegenwart.
Eine besondere Herausforderung sei die Erzählform des Romans gewesen, der immer als schwer zu verfilmend charakterisiert worden sei, so der Oscar-Preisträger (1980 für "Die Blechtrommel"): "Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte aus der Sicht vieler verschiedener Personen und springt dabei kreuz und quer durch die Jahrzehnte – also nicht chronologisch." Er dagegen, so Schlöndorff weiter, habe "zunächst ausprobiert, ob sich die Geschichte chronologisch erzählen lässt und welche Elemente man dafür beibehalten müsste". Das habe er schon vor vier oder fünf Jahren gemacht, bevor er sich überhaupt nach den Rechten für das Buch erkundigt habe. Autorin Erpenbeck sei dann überrascht gewesen, dass man die Geschichte auch chronologisch erzählen könne: "Nachdem sie mir also den Freibrief gegeben hatte, die Geschichte so umzukrempeln, war eigentlich alles bereit."
Dreh in Einsteins Haus
Es sei ein Glücksfall gewesen, so der Regisseur weiter, unter anderem in Albert Einsteins ehemaligem Sommerhaus in Caputh am Schwielowsee nahe Potsdam drehen zu können. Das Haus habe eine eigene Geschichte von Vertreibung, NS-Nutzung, sowjetischer Besatzung und Rückkehr ehemaliger Besitzer – und spiegele damit Motive des Romans. Auf die Frage, wie er die aktuelle politische Situation einschätze, sagte Schlöndorff: "Etwas kann sich ganz schleichend verändern, ohne dass man die Übergänge bemerkt. Im Rückblick sieht es dann vielleicht aus wie ein Erdbeben, obwohl es im jeweiligen Augenblick nur eine kleine Erschütterung war."
Die Menschen wüssten nicht, wohin es gehe, und fühlten sich verängstigt. Dabei hätten sie noch nie gewusst, was kommt: "In den 1920er-Jahren wussten sie nicht, dass die Nazis an die Macht kommen würden. Während der NS-Zeit wussten sie nicht, dass der Krieg verloren gehen würde. Nach dem verlorenen Krieg war ungewiss, wohin der Wiederaufbau führen würde, und beim Fall der Mauer wusste man nicht, was die Wiedervereinigung bringen würde." Die Zukunft sei immer offen, deshalb müsse man keine Angst vor ihr haben: "Man muss einfach hinnehmen, dass alles vergänglich ist – nicht nur für die Buddhisten, sondern auch für uns."
Auszeichnung bei Buchmesse
"Heimsuchung" erhielt auf der Frankfurter Buchmesse den Preis für die beste Literaturverfilmung. Mitproduziert wurde der Film von einem Unternehmen der Tellux-Gruppe, deren Hauptgesellschafter das Bistum Rottenburg-Stuttgart ist.