Von den französischen Bischöfen braucht es jetzt mehr als das Gebet
Zuerst demonstrierten französische Schüler*innen gegen zu geringe Bildungsausgaben, dann weiteten sich die Proteste aus, schlussendlich schlugen sie in Gewalt um. Das Präsidium der Französischen Bischofskonferenz nahm dazu Stellung: "Mit allen Gläubigen beten wir, dass diese Unruhen aufhören, dass die gerechten Forderungen gehört und berücksichtigt werden und dass durch die Praxis des Dialogs und die Achtung der Gerechtigkeit der Frieden zurückkehren kann." Damit nehmen die Bischöfe eine wichtige Differenzierung vor: Die Gewalt delegitimiert keineswegs die "gerechten Forderungen" der jungen Demonstrierenden. Allerdings ziehen sich die Bischöfe selbst aufs Gebet zurück – während sie sich bei anderen Fragen, zuletzt etwa zum Assistierten Suizid, stark inhaltlich in die politische Debatte einmischen.
Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde festgehalten, dass "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi sind". Dass die Kirche in Frankreich für Solidarität mit bedrängten Menschen innovative Formen finden kann, haben die "Arbeiterpriester" im letzten Jahrhundert gezeigt. Heute ist es an der Zeit, eine bedrängte junge Generation zu unterstützen.
Fällt dieses Engagement von kirchlicher Seite weitgehend aus, nehmen andere Akteure diesen Platz ein: Von der extremen Linken unter Jean-Luc Mélenchon fühlen sich viele junge Menschen gesehen. Sollte dieser jedoch im kommenden Jahr die Stichwahl um das Präsidentenamt erreichen, würde das die Chancen der rechtsradikalen und wegen Veruntreuung von EU-Geldern verurteilten Marine Le Pen auf das Amt dramatisch erhöhen. Dann nämlich müsste sie sich etwa nicht gegen Édouard Philippe oder Raphaël Glucksmann durchsetzen, die als mögliche Kandidaten der Mitte für breite Teile der Gesellschaft wählbar wären. So könnte ausgerechnet die extreme Linke der extremen Rechten den Weg in den Élysée-Palast bahnen. Wer sich für "Bedrängte aller Art" einsetzen möchte, kann jedoch kein Interesse an einer rechtsradikalen Präsidentin haben. Von den französischen Bischöfen braucht es jetzt mehr als das Gebet.
Simon Linder arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Tübingen. Er ist promovierter Katholischer Theologe und hat einen Studienabschluss in Allgemeiner Rhetorik. Aktuell forscht er zum Thema "Assistierter Suizid".
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