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Was bedeutet ethisches Investment wirklich

Von Werten und Wertpapieren

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Bonn - Die einen fressen die Früchte des Feldes, die anderen die Früchte der Arbeit. Diese zerstören die Natur, jene die Wirtschaft. Beide hausen als Parasiten auf Kosten ihrer Umwelt und sind sich deshalb ähnlich. Zumindest, wenn es nach Franz Müntefering geht. Der ehemalige SPD-Vorsitzende verglich einst Banker mit Heuschrecken, den Finanzkapitalismus mit einer der legendären zehn biblischen Plagen.
Wirtschaftsethiker Johannes Wallacher.

Wie bei Berthold Brecht kommt erst das Fressen, dann die Moral – wenn sie denn mal kommt. Für viele ist angesichts der Finanzkrise klar: Werturteile und Wertpapiere passen nicht zusammen.

"Das alleinige Streben von Bankern und Investoren nach kurzfristiger Gewinnmaximierung mag mit zu den Fehlentwicklungen beitragen. Wenn nur noch die maximale Rendite zählt, Risiken bewusst verschleiert werden und es keinen Unterschied mehr macht, ob man in innovative Unternehmen investiert oder mit Nahrungsmitteln spekuliert, sind dies Hinweise für erhebliches moralisches Fehlverhalten", stellt Johannes Wallacher fest, einerseits. Anderseits warnt der Präsident der von den Jesuiten getragenen Hochschule für Philosophie München und Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik vor Vereinfachungen: "Es gibt verschiedene Ursachen. Und aus meiner Sicht wesentlich entscheidender ist das wechselseitig verstärkende Zusammenspiel von Staats- und Marktversagen. Die Strukturdefizite, die fehlende oder nicht genügend effektive Regulierung der Finanzmärkte sind das wirklich Gravierende."

Es reicht nicht, schwarze Schafe zu suchen

Was der Professor anspricht, entspricht im Prinzip durchaus der Alltagsintuition: Die spektakulären Bankencrashs und Firmenbankrotte sind nicht allein auf die Exzesse fehlgeleiteter Turbokapitalisten zurückzuführen, auf die monetäre Fresssucht der Finanzheuschrecken. Es reicht nicht, schwarze Schafe ausfindig und unschädlich zu machen. Unser Finanz- und Wirtschaftssystem selbst steht in Frage, oder zumindest wichtige und weichenstellende Teile davon. Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, hat das in einem Interview so erklärt: "Der Kern ("des Problems" Anm. d. Red.) liegt in der Vorstellung, dass wir ohne große Anstrengungen reich werden können in einem entfesselten kapitalistischen System. Ich habe immer bewusst unterschieden zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus. Beim Letzteren steht die Profitrate des Kapitals im Zentrum von allem, nicht die Realwirtschaft. Wenn sich aber alles nur auf die Kapitalrendite konzentriert, ist das eine Verirrung."

Die Finanzwirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern steht im Dienst der Realwirtschaft und diese wiederum im Dienst eines gelingenden Leben der Einzelnen wie der Gesellschaft. Das haben wir scheinbar vergessen.

Johannes Wallacher

Die vergangenen Jahre haben schmerzhaft klargemacht, dass nicht nur die Mittel fragwürdig waren, sondern bereits das Ziel an sich: "Wir müssen fragen", meint noch einmal Professor Wallacher, "was eigentlich der Sinn von Finanzmärkten ist. Die ethischen Betrachtungen zur Wirtschaft schon bei Aristoteles bis hin zur Katholischen Soziallehre kommen zu der klaren Aussage: Die Finanzwirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern steht im Dienst der Realwirtschaft und diese wiederum im Dienst eines gelingenden Leben der Einzelnen wie der Gesellschaft. Das haben wir scheinbar vergessen."

Die weltweite Wirtschaftskrise wurde ausgelöst in den Vereinigten Staaten, vor allem durch die Immobilienkrise. Ein Haus als Statussymbol und Glücksindikator zugleich verführte Millionen von Amerikanern Kredite aufzunehmen, ohne von vorne herein eine Chance auf Rückzahlung zu haben. Zugleich wurde mit jedem Tag der vergangenen Jahre immer klarer, wie sich die Investmentwelt von der Realwelt entkoppelt hat. Absurde Boni gingen mit absurden Risiken Hand in Hand und bedingten sich gegenseitig, die Rückbindung an die Realwirtschaft spielte kaum mehr eine Rolle. Selbst eingefleischten Kapitalisten ist deshalb klar, dass diese Krise nicht einfach vorübergehen wird, wie viele andere vor ihr. Es braucht, so scheint es, nicht weniger als eine fundamentale Neuorientierung der Finanzwirtschaft selbst und damit der Art, wie Gesellschaft und Wirtschaft zusammenwirken.

Keine romantischen Aussteigerträume

Es ist in diesen Tagen viel von Denkern wie Adam Smith die Rede, dessen "ethische Gefühle" als Beispiele eines moralischen Kompasses im Labyrinth der immer komplizierter gewordenen globalisierten Welt dienen sollen. Ebenfalls häufig zitiert wird ein anderer großer Denker des 21. Jahrhunderts, der Ökonom Friedrich August von Hayek. Bereits 1960 schrieb er "Die Verfassung der Freiheit" und implizierte damit einen Grundsatz, der simpel klingt und der in den vergangenen Jahrzehnten an den Börsen und in den Investmentbüros lange als spießig verlacht wurde. Der aber eine klare Prämisse setzt und mit seinem Grundprinzip der Ausgangspunkt für eine Neuordnung sein könnte. Demnach ist nicht die Gewinnmaximierung das Entscheidende. Viel wichtiger noch als Wachstum ist Stabilität.

Zur Person

Johannes Wallacher wurde am 13. April 1966 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Er ist ein deutscher Ökonom und Philosoph mit dem Schwerpunkt auf Wirtschaftsethik. Wallacher ist Präsident der von den Jesuiten getragenen Hochschule für Philosophie München und Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik.

Das bedeutet nicht, sich romantischen Aussteigerträumen hinzugeben oder von einer Rückkehr zur Wirtschaftsordnung der Vor-70er-Jahre zu schwärmen. Wachstum hat seine Berechtigung. Aber es ist ein bisschen so, wie wenn zwei Jungen spielen und es darum geht, wer am schnellsten den höchsten Turm aus Bauklötzen errichtet: Der Bub, der mit sechs Klötzen unten anfängt, wird wahrscheinlich schneller oben sein. Nur ist die Gefahr des Einsturzes deutlich höher. Der andere aber, der zwölf Steine grundgelegt hat, verfügt über ein tragfähigeres Gerüst und kann zudem an mehr Stellen arbeiten, weil er im wahrsten Sinne des Wortes breiter aufgestellt ist. Langsamer, das schon. Aber der Bau stürzt nicht ein und geht kontinuierlich weiter.

Als Beispiel für das sorgsamere Bauen, übertragen auf die Finanzwelt, wird derzeit häufig das so genannte "ethische Investment" genannt. Inspiriert aus religiösen Bewegungen aus dem angelsächsischen Raum im 18. Jahrhundert haben sich zahlreiche Institute und Fonds gebildet, die Kunden mit angeblich moralisch einwandfreien Angeboten locken. Vereinfacht erklärt, funktioniert das so: Investiert wird nur in Produkte, die ethisch einwandfrei sind. Das bedeutet, dass sie erstens kein übermäßiges Risiko eingehen. Zweitens finanzieren sie keine Geschäftsbereiche, die an sich moralisch zweifelhaft sind, beispielsweise Waffenexporte. Nur ist die Entscheidung, was moralisch gut und schlecht ist, nicht so einfach. Kinderarbeit werden die meisten als Übel ablehnen. Atomkraft hingegen ist weit weniger eindeutig. Damit stellt sich ein weiteres Problem: Wer beispielsweise Waffenproduktion ablehnt und gleichzeitig den Einsatz von UN-Schutztruppen befürwortet, könnte in argumentative Schwierigkeiten geraten.

Abstriche in Kauf nehmen

Trotz solcher Probleme ging die Begeisterung sogar soweit, dass manchmal behauptet wurde: Ethisches Investment lohnt sich nicht nur für Gesellschaft und Umwelt, sondern auch für den Kunden und den Geldbeutel. Langfristig gesehen, mache man damit sogar mehr Kasse als mit herkömmlichen Investments. "Das ist empirisch nicht belegt. Wer wirklich ethisch investieren will, muss auch bereit sein, im Vergleich zu nicht ethischen Anlageformen bei der Rendite Abstriche in Kauf zu nehmen", stellt jedoch Professor Wallacher dazu fest. Er hat mit der Expertengruppe "Weltwirtschaft und Sozialethik" für die katholische Kirche eine Studie zu eben diesem Thema vorgelegt; sein Fazit: "Ich halte ethisches Investment für sehr förderungswürdig. Aber man muss ehrlich damit umgehen und den Leuten sagen: ,Mit ethischem Investment verdient man erstens nicht automatisch gleich viel oder gar mehr. Und zweitens löst man damit allein nicht unsere Finanzmarktprobleme."

Ethisches Investment ist eine Stellschraube, mit der man richtige Justierungen vornimmt. Aber den gesamten Apparat richtet man damit nicht neu aus: "Ethisches Investment ist wichtig und richtig, darf aber nicht als Ersatz für strukturelle Reformen angesehen werden. Wer ethisch investiert, kauft sich damit nicht frei. Man muss sich trotzdem einsetzen, sozial und politisch, damit es zu grundlegenden Veränderungen im moralischen Bewusstsein und in den Strukturen unserer derzeitigen Finanzwelt kommt."

Von Simon Biallowons

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