Warum?
Von weitem sieht alles normal aus auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Die Verkaufsstände sind weihnachtlich-bunt geschmückt, der Geruch von Glühwein und gebrannten Mandeln liegt in der Luft. Doch je näher man dem Markt an der Gedächtniskirche kommt, je mehr man eintaucht in die Atmosphäre in den Gassen, desto deutlicher wird: Diese Adventszeit auf dem Breitscheidplatz ist alles andere als normal.
Überall auf dem Weihnachtsmarkt begegnet man der Erinnerung an den islamistischen Terroranschlag, bei dem der Terrorist Anis Amri am 19. Dezember vergangenen Jahres 12 Menschen tötete und etwa 70 verletzte. Um 20.02 Uhr fuhr der Tunesier damals mit einem gestohlenen Lastwagen mitten hinein in das bunte Treiben auf dem Breitscheidplatz. Den eigentlichen Fahrer des mit Stahl beladenen Sattelschleppers, einen 37-jährigen Polen, hatte Amri etwa eine halbe Stunde vorher auf einem Parkplatz im Berliner Ortsteil Moabit erschossen.
Eine Schneise brutaler Zerstörung
Bei seiner Todesfahrt über den Weihnachtsmarkt fuhr Amri durch die Gasse an der Kreuzung Kantstraße/Budapester Straße. Er hinterließ eine Schneise brutaler Zerstörung, bevor ein automatisches Bremssystem den Lastwagen nach etwa 60 Metern stoppte. An der Stelle, an der der Terrorist damals auf den Markt einbog, stehen heute Betonbarrieren, wie sie bei Freiluft-Veranstaltungen inzwischen beinahe schon Standard sind. Die Barrieren sind die erste sichtbare Erinnerung an den Anschlag und stehen in krassem Gegensatz zu den bunten Lichtern rundherum.
An den Buden des Weihnachtsmarktes ist der Terroranschlag in diesen Tagen kurz vor dem Heiligen Abend weiterhin Gesprächsthema Nummer eins. Beinahe an jedem Stand kann man Gesprächsfetzen aufschnappen, die sich um den Anschlag drehen: "Hier ist der Lkw damals langgefahren …", "Dahinten lagen Tote und Verletzte …", "Unsere Bude wurde – Gott, sei Dank – nicht zerstört …". Fast alle Schausteller des Marktes waren auch vor einem Jahr dabei und werden von vielen Besuchern nach ihren Erinnerungen gefragt. Martin Blume kann die Neugierde verstehen. "Das liegt in der Natur des Menschen", sagt er vor seinem Imbiss mit Spezialitäten vom Holzkohlegrill. Blume stand damals nur wenige Meter von dem Flecken entfernt, an dem der Sattelschlepper endlich zum Stehen kam.
Direkt hinter den ersten Buden befindet sich das provisorische Mahnmal für die Opfer des Anschlags. Zahllose Kerzen und Blumen, Holzkreuze, selbstgemalte Schilder und Fahnen erinnern an die zwölf Toten. Auf einem Luftbild vom Breitscheidplatz steht in großen Buchstaben "Wir trauern". Immer wieder bleiben Besucher des Weihnachtsmarktes vor dem Mahnmal stehen, einige beten, andere verharren in Stille.
Über dem Mahnmal wie über dem gesamten Weihnachtsmarkt schwebt die Frage nach dem "Warum". Warum kam es wenige Tage vor Weihnachten 2016 zu diesem bislang schwersten islamistischen Anschlag in Deutschland? Warum wurde der Attentäter nicht daran gehindert, seinen mörderischen Plan durchzuführen? Es sind Fragen, auf die es bis heute keine befriedigenden Antworten gibt. Im Gegenteil: Die bekannt gewordenen Polizeipannen und die von Hinterbliebenen als mangelhaft beklagte Unterstützung durch die Bundesregierung zeigen, dass die Aufarbeitung der Katastrophe noch lange nicht abgeschlossen ist.
Am ersten Jahrestag des Anschlags steht jedoch das Gedenken im Vordergrund. Politik, Stadtgesellschaft, Kirchen und Schausteller wollen mit mehreren Veranstaltungen an die Opfer erinnern. Den Auftakt des Gedenkens bildet um 11.15 Uhr eine interreligiöse Andacht in der Gedächtniskirche für die Hinterbliebenen, die Verletzten und ihre Angehörigen sowie die zahlreichen Helfer. An der nicht-öffentlichen Andacht werden auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Vertreter von Bund und Land Berlin sowie der Berliner Erzbischof Heiner Koch und Repräsentanten weiter Religionsgemeinschaften teilnehmen.
Ein 14 Meter langer Riss als Gedenkort
Um 12 Uhr wird dann die dauerhafte Gedenkstätte zur Erinnerung an den Anschlag eingeweiht. Der Gedenkort besteht aus den Namen der zwölf Todesopfer in den Stufen vor der Gedächtniskirche sowie einem 14 Meter langen goldenen Riss, der sich über die Stufen und den Breitscheidplatz zieht. Er soll den Riss symbolisieren, den der Anschlag im Leben vieler Menschen hinterlassen hat.
Neben weiteren Veranstaltungen findet um 18.30 Uhr ein ökumenisches Friedensgebet mit dem Friedenslicht von Bethlehem in der Gedächtniskirche statt, ehe dann um 20.02 Uhr – dem Zeitpunkt des Anschlags – 12 Minuten lang die Glocken der Kirche läuten werden und eine Lichterkette gebildet wird. Der Weihnachtsmarkt selbst bleibt wegen der Gedenkveranstaltungen den ganzen Tag über geschlossen.