Warum tun Sie sich das an?
Frage: Herr Faltin, die Wirtschaft brummt. Deutschland geht es so gut wie nie zuvor. Warum braucht es trotzdem Betriebsräte?
Norbert Faltin: Das Arbeitsleben ist voll von Vorgängen und Veränderungen, die sich unmittelbare auf die Beschäftigten auswirken: flexiblere Arbeitszeitmodelle, Umstrukturierung, neue Technologien, Auslagerung von Tätigkeitsbereichen, Versetzung und Umgruppierung und vieles mehr. Damit kein Arbeitnehmer und keine Arbeitnehmerin allein vor diesen Auswirkungen steht, ist es wichtig, das wir Betriebsräte haben. Nur diese können auf Basis des Betriebsverfassungsgesetzes die Interessen der Beschäftigten gegenüber dem Arbeitgeber vertreten und rechtlich durchsetzen.
Die Betriebsseelsorge und KAB begleiten die Betriebsräte mit großer Hochachtung und Aufmerksamkeit. Denn sie sind nicht selten die eigentlichen "Seelsorger". Die meisten tun ihren Dienst an den Menschen aus Hingabe und Überzeugung. Aber auch sie sind nur Menschen und nicht frei von Versuchung. Daher treten wir Christen auch ein ins Gebet für all die Frauen und Männer, die sich für dieses Mandat bereit erklären. Möge es ihnen – zusammen mit starken Gewerkschaften im Hintergrund – gelingen, glaubwürdig und überzeugend die Interessen der abhängig Beschäftigten zu vertreten und diesen Dienst aus Verantwortung und Liebe heraus zu tun.
Frage: Sie engagieren sich für Amazon, einem Konzern, der aus Arbeitnehmersicht lange Zeit die "Dunkle Seite der Macht" repräsentierte. Was hat sich seitdem verändert?
Faltin: Auch Amazon kann dazulernen: Vor zwei Jahren haben wir angefangen – überall für Betriebsräte zu kämpfen. Heute haben wir an jedem Standort einen. Aber Amazon tut sich weiterhin schwer damit, nach in Deutschland gültigen Sitten und Gebräuchen zu agieren. Dazu gehört nach meinem Verständnis auch, dass man Tarifverträge hat und diese auch anwendet.
"Erst der Mensch und dann der Markt" – sollte unser Leitmotiv sein. Ich will, dass Politik und Wirtschaft dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Es ist aber toll, dass bei Amazon 80 Prozent der Belegschaft aus dem zweiten und dritten Arbeitsmarkt kommen. Das sind größtenteils Vergessene, die hier eine Chance bekommen.
Vieles lösen wir im Rahmen von Betriebsvereinbarungen. Speziell am Standort Koblenz arbeiten wir sehr kooperativ mit der Geschäftsleitung, übrigens einem Amerikaner – zusammen – und wir haben eine positive "yes, we can"-Attitüde. Missstände erkennen, Vorschläge diskutieren und dann die Fehler beheben.
Frage: In Ihrer Freizeit engagieren Sie sich für die katholische Kirche, einer Institution, die in der Öffentlichkeit ähnlich harsch kritisiert wird. Warum tun Sie sich das an?
Faltin: Wegen meines Glaubens an Jesus Christus, an seine Frohe Botschaft. Sie ist ein sehr wichtiges Element in meinem Leben. Der Glaube gibt mir die Freiheit und die Kraft und ermutigt mich, zu meinen Überzeugungen zu stehen.Er gibt mir die Kraft, mich gegen soziale Ungerechtigkeiten zu engagieren und hilft mir, meine politische Spiritualität in der Arbeitswelt zu leben. Dieser Glaube braucht aber immer wieder Anregungen, er muss immer wieder hinterfragt und neu belebt werden.
Deshalb ist Glaube für mich nicht nur eine persönliche Angelegenheit, er braucht auch eine Gemeinschaft, die stützt und trägt. Diese Gemeinschaft ist für mich die Kirche mit all ihren Facetten: in der eigenen Kirchengemeinde, früher in der Jugendgruppe und heute in der katholischen Arbeitnehmerbewegung. Meiner Überzeugung nach können die Hochs und Tiefs im Leben und auch im Glaubensleben nur in einer Gemeinschaft gelebt und überwunden werden.
Natürlich gibt es auch da Enttäuschung. Doch das kann keine Begründung sein, aus dieser Gemeinschaft auszutreten. Nicht resignieren sondern sich verstärkt einsetzen ist mein Gebot der Stunde. Darum freue mich schon jetzt darauf, beim Katholikentag "Mit Christus Brücken zu bauen".
Das Interview führte Michael Richmann