Was ist das Leben?
Heute ist es soweit. Nach monatelanger Debatte wird der Bundestag ein letztes Mal debattieren und dann im wahrsten Sinne des Wortes über Leben und Tod entscheiden. Besser gesagt über die Gestaltung des Lebens und des Todes von kranken, leidenden Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen als sich das Leben zu nehmen und dafür Hilfe in Anspruch nehmen wollen oder müssen.
Es steht viel auf dem Spiel. Mehr als man gemeinhin in der Debatte wahrnehmen konnte. Die Erlaubnis der Beihilfe zum Suizid als bloßes Kräftemessen zwischen Liberalen und Konservativen zu verstehen, verkennt, dass dieses Gesetz unweigerlich langfristige Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Zusammenleben haben wird.
Die tiefere Frage hinter der Debatte ist: Was ist das Leben? Woher haben wir es und dürfen wir es uns selbst nehmen? Es geht um eine der grundlegendsten moralischen Fragen, die wir uns überhaupt individuell und als Gesellschaft stellen können. Die Frage des Suizids und der Beihilfe dazu ist keineswegs eine praktische Frage, bei es vor allem um Rechtssicherheit geht.
Wer die Frage nach der moralischen Rechtfertigung des Suizids bejaht, wer also im Letzten an keinen Schöpfer des Lebens glaubt und meint, selbst über den Tod verfügen zu können, wird der Versuchung der eigenmächtigen Beendigung des Lebens und Leidens nicht widerstehen können.
Wer hingegen das Leben als nicht selbst gemacht, sondern als Geschenk von Gott versteht, und damit auch im Leiden nicht verzweifeln muss, wird eine moralische Grenze in sich spüren, es selbstbestimmt und gewaltsam - auch wenn es äußerlich milde durch den Medikamentencocktail geschieht - zu beenden. Niemand will leiden und die Möglichkeit, einmal selbst leiden zu müssen oder einen nahen Angehörigen schwer leiden zu sehen, macht zu Recht Angst.
Allerdings würden wir durch ein Gesetz, dass Suizidbeihilfe und damit den Suizid selbst explizit gutheißt, zukünftig nicht besser, sondern schlechter mit Leiden umgehen lernen. Ein Leidender ist immer in einer schwachen, fragilen Position. Was er braucht, ist Zuwendung, medikamentöse Schmerzlinderung, liebevolle Begleitung. Ihm die Möglichkeit des Selbstmordes mit Hilfe Dritter vor Augen zu stellen, wird es allen Beteiligten, dem Kranken, den Angehörigen und den Ärzten schwerer machen, den Menschen hinter dem Leid nicht zu übersehen. In der Abstimmung heute geht es darum, ob wir eine wahrhaft menschliche Gesellschaft bewahren wollen, in der man auch im Leiden, in Krankheit und Tod sein darf ohne sich implizit rechtfertigen zu müssen.
Sophia Kuby ist Philosophin und leitet in Brüssel die EU-Interessenvertretung der Familien- und Lebensschutzorganisation ADF International.
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