Was tun gegen Massenüberwachung von Gläubigen durch die Werbebranche?
Aus Werbedaten lassen sich detaillierte Bewegungsprofile von Menschen gewinnen. Eine Recherche des Online-Mediums netzpolitik.org hat gezeigt, dass dadurch auch religiöse Zugehörigkeit und der Besuch von Kirchen, Synagogen und Moscheen offenbar werden können. Mehr als eine Million Standortdaten an Glaubensorten konnten die Journalisten in den "Databroker Files" finden. Kirchenvertreter zeigen sich alarmiert: "Der Handel und die unrechtmäßige Verwendung von Handy-Standortdaten und Bewegungsprofilen von Gläubigen stellen eine erhebliche Gefahr dar", kommentierte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Matthias Kopp, die Recherchen. Im Interview mit katholisch.de erläutert Ingo Dachwitz, der für "netzpolitik.org" in den Standortdaten der Werbeindustrie recherchiert hat, das Ausmaß der Bedrohung – und wie man sich schützen kann."
Frage: Herr Dachwitz, wenn ich am Sonntag in die Kirche gehe und dabei mein Handy in der Tasche habe: Welche Datenspuren erzeuge ich dabei?
Dachwitz: Das hängt von Ihren Einstellungen ab. Wenn Sie nichts Besonderes eingestellt haben, dann müssen Sie davon ausgehen, dass genaue Standortdaten über Ihre Bewegungen bei Datenhändlern landen: wann und wo Sie in die Kirche gehen, wie oft Sie hingehen, wie lange Sie drin bleiben – all das.
Frage: Und das passiert schon in der Standardeinstellung und wenn ich ein, zwei Apps wie eine Wetter-App installiert habe?
Dachwitz: Ja, was wir mit den "Databroker Files" aufgedeckt haben, ist ein riesiges System des überwiegend illegalen Datenhandels. Gesammelt werden die Daten von Smartphone-Apps, die sich über Werbung finanzieren. Angeblich werden die Daten nur für Werbezwecke gesammelt. Aber man kann nicht kontrollieren, an wen genau die Daten gehen, und es gibt Firmen, die diese Daten sammeln und weiterverkaufen.
Frage: Wie sind Sie an die Daten gekommen? War das schwer?
Dachwitz: Im Gegenteil! Es war erschreckend leicht, an diese Daten zu kommen. Wir sind über eine in Deutschland ansässige Datenhandelsplattform mit Databrokern in Kontakt gekommen. Diese Plattform hat sich vorgenommen, das Shopping von Daten im Internet so leicht zu machen wie das Shopping von Kleidung. Und so ist es auch: Es war ein Kinderspiel, dort dann mit Datenhändlern aus den USA in Kontakt zu kommen, die diese genauesten Standortdaten im Angebot haben. Uns und dem Bayerischen Rundfunk – unserem Recherchepartner – liegen inzwischen mehr als 13 Milliarden Standortdaten aus aller Welt vor und wir haben dafür nichts bezahlt. Das sind kostenlose Probedatensätze.
Frage: Wie kann man sich diese Datensätze vorstellen?
Dachwitz: Das ist eine riesige Excel-Tabelle mit Geolokationsdaten, einem Zeitstempel und ein paar weiteren Informationen, zum Beispiel zum verwendeten Betriebssystem. Was genau alles dazugehört, hängt vom jeweiligen Angebot ab. Der entscheidende Punkt ist, dass diese Daten immer auch eine individuelle Kennziffer enthalten, eine mobile Advertising-ID. Das ist eine Identifikationsnummer, die Apple und Google allen Nutzenden ihrer Smartphone-Betriebssysteme zuordnen, wenn man das nicht ausschaltet. Diese ID haben wir dann genutzt, um die nicht mit Namen und Adressen versehenen Daten auf eine Karte zu legen und auszuwerten. Dadurch konnten wir Bewegungsprofile erkennen: Wo bewegt sich ein Telefon, das zu einer "Mobile Advertising ID" gehört, durch die Gegend? Man sieht sehr gut, wo Menschen wohnen, weil man dort das Handy am häufigsten nutzt. Man sieht, wo Menschen arbeiten, wo sie einkaufen, zu welchen Ärzten und Kliniken sie gehen – und natürlich sieht man deshalb auch, ob sie in die Kirche, in die Moschee oder in die Synagoge gehen.
Frage: Sie konnten Bewegungsprofile auswerten, die einen Bezug zur Synagoge in Halle und zur Berliner Şehitlik-Moschee haben. Auf beide wurden Anschläge verübt. Besteht eine reale Gefahr, dass solche Daten für die Planung von Anschlägen genutzt werden?
Dachwitz: Es ist jedenfalls möglich. Das hat uns auch das Bundesamt für Verfassungsschutz bestätigt, das wir zu dieser Recherche angefragt haben: Gefährdete Personen werden durch diese Daten noch stärker exponiert. Man kann beispielsweise ihr Verhalten und ihre Aufenthaltsorte ausspionieren. Und leider sind in Deutschland Jüdinnen und Juden wie Musliminnen und Muslime aufgrund ihrer Religion gefährdet. Wir haben keine Belege, dass solche Daten schon für Angriffe genutzt wurden. Aber die Gefahr ist real, weil die Daten so leicht zu erhalten und so invasiv sind. Es muss auch nicht notwendig ein Anschlag sein: In den USA ist vor fünf Jahren der Generalsekretär der Bischofskonferenz zurückgetreten, nachdem eine Auswertung solcher Werbedaten unter anderem die Nutzung der Dating-App Grindr gezeigt hatte.
Frage: Wie sieht es mit der Nutzung durch staatliche Stellen aus?
Dachwitz: Wir wissen, dass diese Form von Daten von staatlichen Akteuren genutzt wird: Die US-Abschiebebehörde ICE nutzt solche Daten, um Menschen aufzuspüren. Die ungarische und die österreichische Regierung haben Verträge mit Unternehmen geschlossen, die solche Daten für staatliche Behörden aufbereiten. Mindestens ein deutsches Landeskriminalamt hat schon mit solchen Daten gearbeitet. Das ist eine politische Herausforderung, weil der Staat, der uns eigentlich vor solchen Bedrohungen schützen sollte, selbst diese Daten nutzt und ein Interesse hat, dass es sie weiter gibt.
Frage: Ist auch bekannt, ob diese staatlichen Einsätze eine religiöse Komponente haben, etwa in der Form, dass ICE gezielt Muslime sucht oder analysiert wird, wer sich in der Nähe von Kirchen oder Moscheen aufhält?
Dachwitz: Über die konkrete Verwendung wissen wir leider nichts. Es wäre aber problemlos möglich.
Frage: Wie gehen Sie selbst mit der Verantwortung um, die höchstpersönlichen Daten von so vielen Menschen zu haben?
Dachwitz: Das ist wirklich eine große Verantwortung. Es ist gruselig, mit diesen Daten zu arbeiten, weil man sich selbst wie ein Spion vorkommt: Wir können die Bewegung von Menschen auf Schritt und Tritt nachverfolgen und sehen sehr persönliche Dinge. Für uns heißt das, dass wir diese Daten extrem gut schützen. Wenn wir mit anderen Journalistinnen und Journalisten zusammenarbeiten, treffen wir sehr klare Absprachen zum Datenschutz, um sicherzustellen, dass die Daten nur zu Recherchezwecken verwendet werden. Sobald wir die Daten nicht mehr brauchen, löschen wir sie.
Frage: Die europäische Datenschutz-Grundverordnung schützt Daten, aus denen religiöse Überzeugungen hervorgehen, eigentlich ziemlich streng. Warum funktioniert das in der Praxis bei diesen Daten offensichtlich nicht?
Dachwitz: Daten, aus denen religiöse Überzeugungen hervorgehen, sind, so wie Gesundheitsdaten oder Daten zur sexuellen Orientierung, besonders geschützt. Artikel 9 der Datenschutz-Grundverordnung sagt explizit, dass solche Daten außer in ganz engen Ausnahmefällen nicht genutzt werden dürfen. Aber zu diesen Ausnahmen gehört die explizite Einwilligung. Und darüber wird die DSGVO systematisch ausgehebelt: Die Apps holen sich eine Einwilligung, aber da wird nur über Werbezwecke informiert. Viele App-Betreiber wissen selbst nicht, was mit diesen Daten alles passiert, die sie an die Werbenetzwerke weitergeben. Hinter Online-Werbung steckt ein riesiges, undurchsichtiges Ökosystem: App-Betreiber schicken die Daten an Dutzende, teilweise Hunderte Firmen. Bei den Tracking-Unternehmen haben wir ein System der Verantwortungslosigkeit. Die berufen sich auf die Einwilligung der Nutzenden. Dabei wird aber ausgeblendet, dass Einwilligungen informiert erfolgen müssen. Das heißt, dass man eigentlich ganz genau erklärt bekommen muss, was passiert, wenn man einwilligt. Das soll die informationelle Selbstbestimmung garantieren. Hier läuft das aber völlig ins Leere. Es ist gar nicht möglich, vollständig darüber zu informieren, was mit den Daten passiert, weil man nie überblicken kann, wo die Daten schlussendlich landen. Das ist ein strukturelles Problem.
Frage: Wie ließe sich dieses System ändern?
Dachwitz: Verbraucherschutzorganisationen und Digitalrechtsorganisationen sind relativ klar in ihrer Forderung, dass man das System grundsätzlich ändern muss: Die Sammlung von so sensiblen Daten und die Profilbildung für kommerzielle Zwecke müsste grundsätzlich untersagt werden. Dann gäbe es keine Werbung mehr auf der Basis von Persönlichkeitsprofilen. Stattdessen würde man dann kontextbasierte Werbung schalten, so wie in der Zeitung: Der Turnschuhhersteller wirbt im Sportteil, der Verlag im Feuilleton – ganz ohne Profilbildung.
Frage: Sie haben einige Kirchenvertreter angefragt, unter anderem die Deutsche Bischofskonferenz. Dort waren die Reaktionen sehr einhellig und deutlich. Hatten Sie den Eindruck, dass diese Problematik in Kirchen und Religionsgemeinschaften schon vorher präsent war?
Dachwitz: Die meisten hatten das vorher nicht auf dem Schirm. Wir haben den evangelischen Theologen und Ethiker Peter Dabrock befragt, der selbst zu Datenethik forscht und im Deutschen Ethikrat dazu gearbeitet hat. Obwohl er unsere Recherchen in den "Databroker Files" kannte, war er über den Umfang der Überwachung schockiert. Systematisch damit befasst haben sich die Kirchen aber noch nicht. Ich hoffe, dass die Kirchen sich dieser Sache annehmen und sich im Rahmen ihrer politischen Arbeit für eine Lösung des Problems einsetzen. Leider interessieren sich die Kirchen meist nur dann für Datenschutzpolitik, wenn es darum geht, ihre eigenen kirchlichen Datenschutzgesetze politisch abzusichern. Die Kirchen haben sich schon oft abstrakt dazu geäußert, dass der Mensch mehr als die Summe seiner Daten ist, und sich gegen eine kommerzielle Verzweckung von Menschen gestellt. Hier haben wir einen Fall, wo das konkret wird. Ich hoffe, dass das in den Kirchen zum Anlass genommen wird, auf eine Lösung der Databroker-Problematik zu dringen.
Frage: Wenn ich am nächsten Sonntag in die Kirche gehe und nicht geortet werden will: Was mache ich mit meinem Handy?
Dachwitz: Die gute Nachricht ist, dass man sich schon mit wenigen Maßnahmen relativ weitreichend vor dieser kommerziellen Überwachung schützen kann. Das Erste ist, im Betriebssystem allen Apps das Werbetracking zu untersagen. Das Zweite ist, allen Apps die Freigabe der Standortnutzung zu untersagen und sie höchstens zu erlauben, wenn die App benutzt wird – auf keinen Fall im Hintergrund. Und drittens sollte man, wann immer man die Möglichkeit hat, Cookies ablehnen, auch wenn es nervt, das immer wieder zu tun.