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US-Zwischenwahlen

Welche Rolle spielt Religion bei den Wahlerfolgen der Demokraten?

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Bonn - Der Sieg der offen christlichen Kandidaten Talarico und Hamilton bei den Midterms hat einige überrascht. Ist Religion ein Erfolgskonzept?

Die USA haben gewählt: Sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus holten die Demokraten die Mehrheit der Sitze. Damit erhalten sie die Möglichkeit, einige von Donald Trumps Vorhaben zu blockieren – sowohl in der Gesetzgebung als auch bei der Ernennung von Personal wie den Richtern am Obersten Gerichtshof. Die Republikaner verloren bei der Wahl auch Staaten, die in der Vergangenheit als sicher galten. Bei den Wahlsiegern Adam Hamilton in Kansas und James Talarico in Texas fällt auf: Sie leben beide öffentlich ihren christlichen Glauben und bringen ihn aktiv in ihre Politik ein – eine Eigenschaft, die sonst vor allem bei den Republikanern zu finden war.

Adam Hamilton aus Kansas ist Pastor der United Methodist Church und der erste Demokrat seit 94 Jahren, der seinen Staat im Senat vertreten wird. Getauft als Katholik, konvertierte er als Jugendlicher zur Pfingstbewegung und wurde Pastor bei den Methodisten. Die Kirche, in der er predigt, gründete er im Jahr 1990 zusammen mit seiner Frau und seinen Töchtern. Inzwischen ist sie die größte Kirchengemeinde der United Methodist Church in den gesamten USA. Neben zahlreichen Büchern zu Glaubensfragen predigte er 2013 bei der Amtseinführung von Barack Obama. Hamilton war früher als Republikaner im Wahlregister eingetragen, bevor er sich den Demokraten zuwandte. Seine Heimat ist tief religiös: Im Jahr 2023/24 bezeichneten sich 70 Prozent der Menschen in Kansas als christlich, mit 27 Prozent stellen die Evangelikalen die größte Gruppe. Etwa 19 Prozent sind katholisch.

Im Wahlkampf setzte Hamilton vor allem auf wirtschaftliche Fragen wie Bezahlbarkeit und betonte die Rolle seines Glaubens. "Zweitausend Verse in der Bibel handeln von Armut und Fürsorge für die Armen. Das hört man aber nicht von den christlichen Nationalisten", erklärte Hamilton etwa im Oktober dem Online-Portal "Vox". Mehrfach zitierte er im Wahlkampf die Bibel und bezeichnete die Bergpredigt als zentrale Inspiration für seinen Weg in die Öffentlichkeit. Als sein Kontrahent Roger Marshall ihn als "perversen Pastor" und "zu woke" bezeichnete, antwortete Hamilton bei einer Wahlkampfveranstaltung: "Wenn Jesus jetzt vor ihnen stehen würde, würde Roger Marshall ihn als 'woke' bezeichnen." Hintergrund für Marshalls Vorwurf war auch Hamiltons Zuspruch zur gleichgeschlechtlichen Ehe im Jahr 2024.

Nächstenliebe als Ansporn

James Talarico möchte einen ähnlichen Weg wie Hamilton einschlagen. Der 37-Jährige aus Texas arbeitete zuletzt als Englischlehrer, bevor er den Weg in die Religion einschlug. Er hat einen Master in Theologie und ist derzeit Seminarist bei der presbyterianischen Kirche. Bereits sein Großvater mütterlicherseits war Pastor einer Baptistengemeinde in Südtexas. Talarico zitiert Papst Leo XIV. und Papst Franziskus als "spirituelle Helden" für ihren Beitrag zur christlichen Soziallehre, die großen Einfluss auf seinen Blick für wirtschaftliche Themen gehabt habe. Auch sein Sitz galt lange als gesichert für die Republikaner. Der letzte Demokrat vor Talarico wurde 1988 in Texas zum Senator gewählt. In seiner Heimat identifizieren sich 67 Prozent der Menschen als christlich.

Auch bei Talarico unterstützte der Glaube seine Botschaften im Wahlkampf. Die Gebote der Nächstenliebe und Liebe zu Gott leiten ihn, erklärt Talarico auf seiner Webseite. Neben einer bezahlbaren Gesundheitsversorgung setzt er sich auch gegen Korruption ein. Auch die Trennung von Staat und Kirche ist ihm wichtig. So prangerte er die Instrumentalisierung der christlichen Religion an. "Am christlichen Nationalismus gibt es nichts Christliches. Es ist die Anbetung der Macht – soziale Macht, wirtschaftliche Macht, politische Macht – im Namen Christi. Und es ist ein Verrat an Jesus von Nazareth“, sagte er etwa bei einer Predigt im Jahr 2023.

Adam Hamilton hat in Kansas gewonnen. Damit ist er der erste Senator der Demokraten in Kansas seit 1932.

Hamilton und Talarico sind nicht die einzigen offen religiösen Demokraten, die die Wahl gewonnen haben. In Iowa zum Beispiel gewannen eine lutherische und eine presbyterianische Pfarrerin Sitze für das Repräsentantenhaus. Doch wie wichtig ist Religion für den Wahlerfolg wirklich?

"Die Republikaner haben die Wahl vor allem wegen der Wirtschaftspolitik, nicht wegen der Religionspolitik verloren", erklärt der Mainzer Theologe Benjamin Dahlke, der unter anderem zum Verhältnis von Religion und Politik in den USA forscht. "Viele Amerikanerinnen und Amerikaner sind unzufrieden mit den hohen Lebenshaltungskosten und der schwächelnden Wirtschaft. Und Kandidaten wie Adam Hamilton in Kansas haben das adressiert", betont Dahlke.

Skandale bei den Republikanern

Nicht nur die Politik von Trump, sondern auch ein weiterer Faktor habe den Demokraten geholfen, glaubt der Theologe. "Die Kandidaten der Republikaner waren durch Skandale nicht sonderlich beliebt." In Kansas wirft man Roger Marshall vor, während seiner Zeit als Gynäkologe über 700 Patientinnen und Patienten wegen unbezahlter Rechnungen verklagt und Haftbefehle beantragt zu haben. Arztbesuche und eine Geburt in den USA können mehrere tausend Dollar kosten. Und auch der texanische Amtsinhaber Ken Paxton, der gegen Talarico verloren hat, galt nicht als skandalfrei. Er soll unter anderem zwei außereheliche Affären gehabt haben und wurde schon wegen Betrugs angeklagt. "Da sind Talarico und Hamilton einfach skandalfreier", fasst Dahlke zusammen.

Auch wenn Religion kein Hauptfaktor war, spielte sie dennoch eine Rolle. "In Staaten wie Kansas und Texas kann man keinen sehr linken Kandidaten präsentieren. Ich glaube schon, dass die Demokraten sehr genau überlegt haben, wen sie da ins Rennen schicken", so Dahlke. Ein Geistlicher hat außerdem den Vorteil, größeres Vertrauen in der religiösen Bevölkerung zu erwecken. Am Ende können die Demokraten jedoch nicht überall auf diesen Effekt setzen. Einerseits sind da die säkularen Bundesstaaten, wo der Bezug auf Religion nicht unbedingt wichtig ist oder sich sogar negativ auswirken könnte. Andererseits ist da die Linie der Partei an sich. "Ich denke zwar, dass sie Religion stärker einbeziehen werden. Aber am Ende stehen die Demokraten auf Bundesebene für Themen wie Transgenderrechte oder Abtreibungsrechte, die für viele evangelikale oder katholische Wähler nicht akzeptabel sind."

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