Weltweiter Krieg gegen die Ehe?
Deutliche Worte fand Papst Franziskus am Samstag in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Es gebe einen "weltweiten Krieg gegen die Ehe", so der Pontifex. Ist Kriegsrhetorik angebracht, wenn es um Ehe geht?
Die Frage einmal zu diskutieren scheint nicht uninteressant in Anbetracht einer rasant wachsenden Anzahl von Bürgern in aller Herren Länder, die die Ehe als grundlegend und unerstetzbar für eine zukunftsfähige Gesellschaft erachten, als eine Institution, die für die Gesellschaft als ganze gut ist – unabhängig vom individuellen Lebensstil ihrer Mitglieder. Jeder weiß, dass heute die heile Familie nicht mehr selbstverständlich ist. Und doch – oder gerade deshalb - lässt die Frage, was eine Gesellschaft als bestmöglichen Rahmen für die nächste Generation hochhalten und schützen soll, den Bürgern keine Ruhe. Kein anderes Thema mobilisiert so viele Bürger in so vielen Ländern wie die Ehe und die Frage, wie sie künftig in Gesetz und Verfassung definiert sein soll.
Wer die weltweite Debatte dazu verfolgt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Franziskus mit seiner Wortwahl den Nerv der Zeit trifft. Auf der einen Seite sind Parlamente, die ungeachtet der massenhaften Mobiliserung der Bürger und ohne ernsthafte Debatte der Argumente Gesetze erlassen, die sagen: die Ehe ist nicht mehr das, was sie seit jeher war, nämlich die dauerhafte Verbindung von Mann und Frau, die am meisten Stabilität, Solidarität und den besten Rahmen für die nächste Generation bedeutet. Von nun an ist sie etwas anderes, etwas völlig anderes: nicht mehr die Kinder, nicht mehr die Zukunft steht im Zentrum, sondern die staatliche Privilegierung von zwei Menschen, die sich lieben. Oberste Gerichtshöfe erachten die Ehe plötzlich als verfassungswidrig, obwohl sie seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten als mit der Verfassung konform eingestuft wurde. Auf der anderen Seite gehen für den Erhalt der Ehe mehr Menschen auf die Strasse als für jedes andere Thema. Mehr als gegen TTIP, CETA oder für Occupy Wall Street. Hunderttausende im säkularen Frankreich, über eine Million unlängst in Mexiko. Drei Millionen haben gerade in Rumänien den Wunsch nach einem Referendum zu Erhaltung der Ehe kundgetan.
Wenn Papst Franziskus Recht hat und es einen weltweiten Kampf gegen die Ehe gibt, muss die Frage zulässig sein, um was hier eigentlich gekämpft wird? Geht es um Ausschluss bestimmter Gruppen – nämlich aller, die sich nicht lebenslang an einen Menschen des anderen Geschlechts binden wollen - von einem Rechtsinstitut? Oder geht es um die Erhaltung der Grundstruktur unserer Gesellschaft, die durch keine Sozialleistung letztlich ersetzt werden kann? Was mich an der Debatte um die Ehe stört, ist, dass sie so gut wie ausschließlich mit Schubladendenken geführt wird.
13 Länder haben in den letzten Jahren in Europa die Ehe in ihren Verfassungen als verschiedengeschlechtlich und monogam festgeschrieben. Das ist keine Neuerung, aber eine Klarstellung, die nötig wurde, weil diese Grundstruktur der Gesellschaft heute in Frage gestellt wird.
Millionen von Menschen scheinen verstanden zu haben, dass das Aufwachsen bei dauerhaft zusammenlebenden, leiblichen Eltern der beste und erstrebenswerteste Rahmen für die nächste Generation ist. Nicht um Ausschluss geht es, sondern um Zukunft. Was wir heute brauchen, ist nicht noch mehr oberflächliche Polemik und verbale Keulen, sondern eine echte Debatte darum, welche weitreichenden sozialen, menschlichen, wirtschaftlichen Konsequenzen es hat, wenn wir die Ehe als Grundstruktur der Gesellschaft aufgeben. Mögen die Worte des Papstes dazu Anregung sein!
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