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Navid Kermani über Fundamentalismus im Islam

Wenn die Tradition zum Zombie wird

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Blick auf einen Halbmond durch das Glasdach einer Moschee.
Bonn - Dass das Christentum seine Kultur besser bewahrt hat als der Islam, ist eine Überzeugung des Schriftstellers Navid Kermani. Am vergangenen Wochenende äußerte er sich über die Rolle der Tradition in der islamischen und christlichen Religion.

Es sei ein Missverständnis zu glauben, der Islam müsse erst einmal in der Moderne ankommen, führte er aus. Denn der Fundamentalismus wende sich gerade gegen die Tradition und wolle sie abschaffen, indem er an einen behaupteten Uranfang zurückkehre und sich vermeintlich authentisch auf den Koran beziehe, erklärte der Orientalist. Gerade dabei aber negierten islamistische Strömungen eine 1400-jährige Deutungsgeschichte. "Die Ausrottung ist das eigentlich Erschütternde, wenn man heute islamische Länder bereist", hob er hervor.

Bei ihm habe es während eines Romaufenthaltes "Klick gemacht", erzählte der Autor. Denn die Tradition "ist da, sie ist lebendig". Das sei etwas Wertvolles, betonte er. "Die Tradition, die unterdrückt und abgewürgt wird, wird zur Gefahr. Sie kehrt nämlich zurück. Als Zombie", warnte Kermani.

Kermani: Kirchen achten zu wenig auf Liturgie

Der Islamwissenschaftler kritisierte auch die Kirchen des Westens. Denn ein wesentlicher Grund für den Bedeutungsverlust des Christentums in den westlichen Gesellschaften liege darin, dass die Kirchen so wenig auf die Form achtgäben, gerade in den Gottesdiensten. "Es muss die Menschen doch auch dahin ziehen, damit sie kommen; wenn es nur ein Pflichtritual ist, bleibt man irgendwann weg", mahnte Kermani.

Navid Kermani
Der Schriftsteller Navid Kermani beschäftigt sich seit langem mit Islam und Christentum. Am Katholizismus schätzt er die besondere Rolle, die die Tradition einnimmt.

Religion sei nicht primär eine Verstandestätigkeit, sondern eine Herzensangelegenheit. "Wir gebrauchen unsere Augen, Ohren, Mund und Nase, wir fühlen mit dem Herzen, wenn wir uns als religiöse Menschen verhalten - im Gottesdienst, im Gebet", erklärte er. Dass Gottesdienste immer noch eine große sinnliche Erfahrung sein könnten, sehe man in den östlichen Kirchen, so der 47-Jährige.

Um für den Reichtum der eigenen Religion sensibilisiert zu werden, könne die Entdeckung einer anderen Religion helfen, fuhr der gläubige Muslim fort, der sich seit langem mit Islam und Christentum befasst. "Es nimmt der eigenen Religion nichts, dass andere auch Großartiges zu bieten haben". Dabei sei es immer leichter, sich für das Andere zu begeistern, denn beim Nachdenken über das Eigene stünden die Schattenseiten im Vordergrund. "Deswegen ist es eben beim Sprechen über die eigene Kultur und Religion der Normalfall, dass man nicht vorbehaltlos ins Schwärmen gerät", so der Autor.

Navid Kermani erhält im Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein neues Buch "Ungläubiges Staunen. Über das Christentum" kommt nächste Woche in den Handel. (jml)

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