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Standpunkt

Wie geht christliches Leben ohne Vertröstung?

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Ein Kommentar von
Stefan Kiechle SJ
Konzilsväter auf ihren Plätzen in der Konzilsaula während des Zweiten Vatikanisches Konzils.
München - Viele Menschen sind durch zahlreiche Krisen verunsichert. Die Kirche vertröstete häufig aufs Jenseits oder Diesseits. Dabei gehört beides zueinander, kommentiert Stefan Kiechle.

Überall Krise. Ängste grassieren weltweit: vor dem bösen Russen, vor dem Kollaps des Klimas, vor dem Untergang der Menschheit, vor dem Ende der Welt. Apokalyptisches Denken hat Konjunktur, nicht nur in esoterischen Gruppen, auch bei "normalen" kirchlichen Christen.

Früher – vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil – spielte das Ende eine große Rolle. Bedrohlich nahten jüngstes Gericht, Fegefeuer und Hölle. Zugleich war glaubensstarken und gut lebenden Christen versprochen, dass Gott sie retten und das hier erlittene Elend überwältigend ausgleichen wird in der Herrlichkeit des Himmels. Kritiker warfen daraufhin den Christen vor, sie würden das Elend nicht bekämpfen, sondern verharmlosen – und die Elenden billig auf ein besseres Jenseits vertrösten.

Nach dem Konzil verfiel man – ich spitze zu – ins Gegenteil: Gott will schon im Diesseits sein Reich wenigstens anfanghaft errichten, mit Gerechtigkeit und Frieden für alle. Gott arbeitet daran, und wir alle sollen mit ihm mitarbeiten, hier und jetzt: Es gibt einen Fortschritt auf Erden! Dabei wurde das Bedrohliche des Endes und des Jenseits weitgehend weggeblendet. Diesem Christentum warfen nun andere Kritiker vor, dass es sich auf Sozialarbeit reduziere und dass es die Menschen auf ein besseres Diesseits vertröste – das aber nicht kommt, siehe die derzeitigen, so ausweglosen Krisen.

Zwei Seiten derselben Medaille

Wie geht christliches Leben ohne Vertröstung – weder auf ein Diesseits noch auf ein Jenseits? Einerseits Ja: Hier und jetzt Verantwortung übernehmen; kämpfen für Gerechtigkeit und Frieden; den Anfang des Reiches Gottes suchen und erfahren; die Präsenz Gottes in dieser dunklen Welt auch gegen manchen Anschein glauben und spüren und verkünden – dies ist ein erster wirklicher Trost. Andererseits ebenfalls Ja: Die vielfältigen, irdisch unlösbaren Krisen ertragen; durch Leiden, Sterben und Tod hindurch in ein neues, erfülltes Leben bei Gott gehen; warten auf das Gericht Gottes, auf Reinigung und neue Schöpfung; vertrauen, dass die Opfer der Geschichte in der neuen Welt Recht und Würde bekommen – dies der zweite wirkliche Trost. Dabei den einen gegen den anderen nicht ausspielen, sondern als zwei Seiten derselben Medaille wahrnehmen. Verantwortung auf Erden und apokalyptische Hoffnung gehören zusammen.

Am Allerseelentag gedenken wir der Toten im Glauben, dass sie schon ganz bei Gott sind: erlöst und heil, freudig und selig. Wir sind mit ihnen verbunden und werden sie einst in der Herrlichkeit Gottes wiedersehen.

Der Autor

Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.

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