Wort des Anstoßes
Der Leiter der vatikanischen Glaubenskongregation hatte in derselben Zeitung am Samstag mit Blick auf kirchenkritische Kommentare im Internet und den klassischen Medien "gezielte Diskreditierungs-Kampagnen" gegen die katholische Kirche beklagt. In Blogs, aber "auch im Fernsehen" würden "Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgeht auf den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum". Weiter sagte Müller: "Hier wächst eine künstlich erzeugte Wut, die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert."
Kritik zur Wortwahl
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warf Müller daraufhin mangelndes Geschichtsbewusstsein vor. "Vergleiche mit dem Holocaust sind geschmacklos, wenn es um unterschiedliche Auffassungen in unserer Gesellschaft zu aktuellen Fragen wie auch der Rolle der Ehe, Familie und eingetragenen Lebenspartnerschaften geht", so die Ministerin. Ähnlich äußerte sich Grünen-Chefin Claudia Roth. Sie nannte die Äußerungen des Erzbischofs "absolut inakzeptabel und gefährlich geschichtsvergessen".
Kritik kam auch vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Der Präsident des höchsten Gremiums der katholischen Laien in Deutschland, Alois Glück, bezeichnete die Wortwahl des Erzbischofs im Bayerischen Rundfunk als "nicht hilfreich". Der Pogrom-Begriff löse insbesondere in Deutschland eine Debatte aus, "die bestimmt nicht weiterführt", so Glück. Es gebe zwar "aggressivere Töne gegenüber der Kirche und dem Religiösen". Dies sei aber "Gott sei Dank nicht das generelle Klima", so der ZdK-Präsident.
Bedeutung von Pogrom
Das Wort "Pogrom" stammt aus dem Russischen und lässt sich mit "Verwüstung" übersetzen. Es bezeichnete ursprünglich mit Plünderungen und Mord verbundene Judenverfolgungen etwa im zaristischen Russland oder später im nationalsozialistischen Deutschland. Das bekannteste Beispiel sind die unter dem verharmlosenden Begriff "Reichskristallnacht" zusammengefassten Novemberpogrome von 1938, die sich in diesem Jahr zum 75. Mal jähren. Heute versteht man unter Pogromen allgemein spontane oder organisierte Gewaltakte gegen Angehörige ethnischer oder religiöser Gruppen, die sich in der jeweiligen Gesellschaft meist in der Minderheit befinden. (KNA)