Zum Flüchten
Der Weg führt die Sechs über die "üblichen" Flüchtlingsrouten zu Asylbewerberheimen in Deutschland, Auffanglagern in Athen und Rom und letztlich in die Herkunftsländer jener Menschen, die ihr Hab und Gut, ihre Familien und ihr altes Leben hinter sich lassen und mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Europa kommen.
Das ZDF versucht auf diese Weise, die "Globalisierung der Gleichgültigkeit“, die Papst Franziskus im Juli bei seinem Besuch auf der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa kritisiert hatte, aufzubrechen. Doch bereits der Ankündigungstext des Senders enthält einen unauflösbaren Wiederspruch: "Über zwei Wochen lang versuchen die sechs Protagonisten nachzuempfinden, was es heißt, Heimat und Familien für immer zu verlassen und ins Ungewisse aufzubrechen."
Das Konzept der Sendung ist also von vorneherein überfrachtet: In 14 Tagen kann niemand nachvollziehen, was Menschen erleben, die vor Terror, Folter und Existenzangst fliehen und sich von Schlepperbanden auf dubiosen Wegen nach Europa einschleusen lassen. Zwar geben die beiden Teams ihre Mobiltelefone und mit ihren Pässen auch sämtliche Bürgerrechte ab. Doch die Gefahren, die mit einer Flucht verbunden sind - also Hunger, Krankheit und Tod - nimmt keiner der Protagonisten auf sich.
Laute Kritik an einem "hirnlosen" Format
Entsprechend laut ist die Kritik: Der Journalist Hans Peter Siebenhaar schreibt in seiner Handelsblatt-Kolumne "Off Screen" von einer Sendung, "die dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen unwürdig ist", und einer Besetzung, die "ein dramaturgischer Fehlgriff" ist. Auch auf Twitter (#AufDerFlucht) und Facebook sind in kurzer Zeit heftige Debatten über Sinn und Unsinn des Formats ausgebrochen. Zusammengefasst heißt es dort: Die Sendung ist "zynisch, hirn- und geschmacklos".
Der TV-Kritiker Holger Kreymeyer fordert in einem offenen Brief an ZDF-Intendant Thomas Bellut sogar, die Sendung einzustellen - samt beigefügter Online-Petition, die bis zum heutigen Donnerstag rund 26.000 Personen unterschrieben haben.
Eine Debatte, die sich das Format kaum selbst erarbeitet hat. Schließlich hatte die erste Folge gerade einmal 60.000 Zuschauer oder 0,3 Prozent Marktanteil. Und es ist eine Debatte, die am eigentlichen Thema vorbeiführt, meint Heinz-Hartmut Wilfert von der Hilfsorganisation "ADRA Deutschland e. V.". Er findet es bezeichnend, dass die Deutschen sich eher über das Format und die vermeintliche Verschwendung von Gebührengeldern empören, als das Schicksal der Menschen zu diskutieren.
"Die Situation der Flüchtlinge ist so dramatisch und so peinlich für Europa, aber viele Menschen hier scheint das einen Dreck zu interessieren. Wäre da nicht beinahe jedes Mittel recht, um Leute, die sich sonst höchstens zwei Minuten in der "Tagesschau" mit dem Thema beschäftigen, mit der Problematik zu konfrontieren?", so Wilfert gegenüber dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Anders in Australien: Dort hatte die Sendung "Go back to where you came from" - zu Deutsch etwa "Geh doch dahin zurück, wo Du hergekommen bist" - 2011 eine Debatte über die Flüchtlingspolitik des Landes entfacht.
Ähnlichkeiten zum Dschungelcamp
Die ZDF-Sendung kommt insgesamt ziemlich reißerisch daher und erinnert in Teilen stark an das Dschungelcamp. Ein Ex-Nazi und eine türkische Sozialarbeiterin, die gemeinsam nach Eritrea reisen, bergen sehr viel vorhersehbares Konfliktpotenzial. Deren Verhältnis eskaliert gleich auf der ersten Zwischenstation, beim Besuch einer Flüchtlingsfamilie in Frankfurt. Auch die schnellen Schnitte und die inszeniert wirkenden Bilder und Dialoge erinnern verdächtig an die vielfach kritisierten Unterhaltungsformate auf RTL und Pro Sieben.
Das ZDF verteidigt das Format und will das "viel und kontrovers diskutierte Thema" Flucht durch die Reise der Protagonisten nachvollziehbar machen. Ob es dafür des emotionalen Zugangs bedurft hätte, ist Ansichtssache. In jedem Fall ist es der Versuch des Senders, all jene für ein Thema zu gewinnen, die beim Stichwort "Flüchtlinge" sonst sofort umschalten.
Der Sender hat zudem angekündigt, sich seinen Kritikern stellen zu wollen. Dazu haben die Macher des Formats einen Chat eingerichtet, in dem im Anschluss an die Ausstrahlung der zweiten Folge heute Abend ausführlich diskutiert werden kann.
Von Michael Richmann
Die zweite Folge von "Auf der Flucht" läuft heute um 22.15 Uhr bei ZDFneo. Die Folgen drei und vier sind für die darauffolgenden Donnerstage geplant. Das ZDF zeigt im Hauptprogramm zwei Folgen am 3. und 4. September um 23.45 Uhr. In der Mediathek des Senders sind die erste Folge sowie weitere Clips und Interviews mit den Protagonisten zu sehen.
Ende des Jahres 2012 waren über 42,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht - davon leben 81 Prozent in Entwicklungsländern. Dieser alarmierenden Zahl versucht die Kirche entgegenzuwirken: durch Beratung, Seelsorge und den stetigen Dialog mit Politik und Gesellschaft.