Zwischen Vorzeigeprojekten und Baustellen
Das Bild ist beeindruckend: An einem 25 Meter langen Tisch sitzen mitten auf dem Gendarmenmarkt zwischen Französischer Kirche und Deutschem Dom an einer "weißen Tafel der Religionen"“ Juden, Muslime, Christen und Vertreter weiterer Religionen gemeinsam am Tisch. Rot, violett und blau leuchten die Turbane der Sikhs heraus. Die eigentliche Nacht der Religionen hat noch nicht begonnen, doch sie ist für Hans-Hermann Wilke, ehemaliger Direktor des Bildungswerkes der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), schon zu diesem Zeitpunkt ein Erfolg: "Vor zehn Jahren hätte ich mir in Berlin einen solchen Tisch, an dem so viele Vertreter von Religionsgemeinschaften sitzen und zusammen frühstücken, nicht vorstellen können."
Besuchermagnet Hedwigskathedrale
Die Hedwigskathedrale ist die Hauptkirche des kleinen, aber wachsenden katholischen Bistums der deutschen Hauptstadt. Hinter der türkisfarbenen Kuppel ist an diesem Tag lautes Kinderlachen zu hören. Erstmals findet an der Hedwigskathedrale in der Langen Nacht der Religionen ein spezielles Kinder- und Jugendfest der Religionen aus. Ausgerichtet wird es vom Berliner Forum der Religionen.
Hier ist auch Juanita Villamor-Meyer, Geschäftsführerin des Forums, mit dem die Initiative "Berliner Dialog der Religionen für Kinder und Jugendliche" verbunden ist, zu finden. Sie freut sich über den Trubel. An den Ständen können verschiedene Gotteshäuser, die Schüler zusammengebastelt haben, bestaunt werden. Anderswo können Kinder anhand einer Bibelgeschichte ein Schattentheater bauen. Viel Betrieb herrscht am Stand der Sikh. "Die stützen den interreligiösen Dialog, wo sie können", sagt Villamor-Meyer. Immer wieder gehen alle Blicke Richtung Bühne. Vor allem eine Schülergruppe aus Spandau begeistert mit ihren interreligiösen gerappten Zeilen. Alle klatschen mit. Auf den Tischen liegt auch der Flyer der Ausstellung "Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos" im Kathedralforum St. Hedwig aus, die Basiswissen über das Zusammen der Religionen vermitteln will.
Unweit der großen Schlossbaustelle ist ebenfalls viel los. Auf dem Petriplatz in Mitte soll das "House of One" – ein Bet- und Lehrhaus, das Judentum, Christentum und Islam unter einem Dach vereint, entstehen. In einem einzigen Gebäude sollen eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee errichtet werden. In einem Raum an der Friedrichsgracht 53, wo dieses Projekt vorgestellt wird, ist der Andrang in dieser Nacht groß. Die Luft ist zum Schneiden, als der Beamer anspringt und die ersten Bilder von der Geschichte dieses Projekts erzählt werden. Weitere Aufnahmen zeigen die Petri-Kirche, die 1964 von der DDR-Regierung abgerissen wurde. Die Präsentation stellt den Weg zur Idee für ein "House of one" bis hin zu den ersten architektonischen Entwürfen vor. Sie zeugen von den Herausforderungen, allen Religionen gerecht zu werden. Eine Projektmitarbeiterin erzählt vom Ringen um den Namen "House of one", der immer wieder unterschiedliche Interpretationen erfahre. Sie betont die Notwendigkeit dieses Hauses für Berlin, das im Zuge der Flüchtlinge immer multireligiöser werde. Die Gesamtkosten des Projekts liegen bei 43,5 Millionen Euro. Es braucht noch viel Geld, bis das "House of one" steht. "Die Frauenkirche in Dresden hat es auch geschafft", sagt ein Besucher beim Hinausgehen.
Bibelkreis für Flüchtlinge
In der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm 128 in Berlin-Neukölln versammeln sich schon lange vor Beginn des Podiums mit dem Titel "Was können die Religionsgemeinschaften zur Integration beitragen?" die Interessierten vor dem Eingang. Mit dabei sind auch Berliner, die sich beim "Treffpunkt Religion und Gesellschaft" engagieren, der zu diesem Anlass einlädt.
Mit den Flüchtlingen nimmt der Anteil religiöser Menschen in Berlins säkular geprägter Gesellschaft zu. Gefragt wird deshalb gleich zu Beginn: Wie gehen die Religionsgemeinschaften mit den ankommenden Flüchtlingen um? Amill Gorgis, Ökumene-Beauftragter der Syrisch–Orthodoxen Kirche in Berlin, berichtet von bereits 400 Syrern, die um Hilfe gefragt haben. "Viele glaubten, sie flüchteten in ein christliches Land und hören nun morgens in Heimen ein Allahu Akbar." Die Sehitlik-Moschee–Besucher vernehmen, wie Gorgis Deutschkurse für Flüchtlinge organisiert und Patenschaften mit deutschen Familien sucht. Sie hören, wie der agile Mann einen Bibelkreis gründete, zu dem er auch einen evangelischen und katholischen Pfarrer eingeladen hat. "Für mich ist es wichtig, dass die Flüchtlinge die Vielfalt der Konfessionen hier kennen lernen. Deshalb besuche ich mit ihnen auch Gottesdienste."
Die Podiumsbesucher registrieren: In Berlin ist viel im Werden im interreligiösen Dialog. Das kann Ender Cetin, Vorstandsvorsitzender der Sehitlik-Moschee, bestätigen. Durch das Flüchtlingsthema, das viele Fragen des Zusammenlebens aufwerfe, würden sich auch Deutsche und Muslime nach 40 Jahren wieder neu entdecken. Er sagt: "Einige Muslime glauben, dass sie nun doch Teil dieser Gesellschaft sein können." In Berlin sei zudem ein Lehrstuhl für islamische Theologie im Gespräch.
Noch viele Baustellen im interreligiösen Zusammenleben
Bei der Frage, welche Aufgaben mit der Flüchtlingswelle auf die Religionsgemeinschaften zukommen, geht es hoch her. Laut Publizist Micha Brumlik werde das Zusammenleben mit Fremden in den Städten nur gelingen, "wenn ein wechselseitiges Verständnis für die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede entwickelt wird und zwar auf dem Weg der persönlichen Begegnung und des Gesprächs." Das sieht auch Ehrhard Körting, Senator für Inneres von Berlin a.D., so. Er plädiert dafür, den anderen in seinem Anders-Sein zu akzeptieren.
Das Podium zeigt: Im interreligiösen Zusammenleben gibt es viele Baustellen, dennoch gibt es auch Vorzeigeprojekte. Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein erzählt von der "Flüchtlingskirche" in Berlin, die es seit einem Jahr gibt, und einem riesigen Netzwerk von Ehrenamtlichen, das sich in interreligiösen Projekten engagiert. Von solchen Erfahrungen kann auch Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, berichten. Sie spricht vom Erfolg des muslimischen Seelsorgetelefons, das es seit über fünf Jahren in Berlin gibt. Die kirchlichen und muslimischen Telefonseelsorger werden gemeinsam ausgebildet. Kostka: "Ein großartiges Projekt, das zeigt, was gehen kann in dieser Stadt."