Der Halskettendieb, der in Wahrheit einen Rosenkranz betete
Manchmal wollen meine beiden Töchter etwas von früher hören. Nicht von gestern oder vorgestern, sondern von ganz früher. Aus der Zeit, als ich selbst noch ein Kind war. "Papa, erzähl mal wieder eine Geschichte von früher", sagen sie dann.
Eine der Geschichten, die ich gerne erzähle, ist bei meinen Töchtern besonders beliebt. Sie spielt Mitte der 1980er Jahre in Südtirol. Ich war damals vier oder fünf Jahre alt und mit meinen Eltern und Brüdern im Osterurlaub. Natürlich gehörte dazu auch der Besuch eines Ostergottesdienstes. Wir saßen also an einem Tag morgens in einer katholischen Dorfkirche, und ich versuchte vermutlich mehr oder weniger interessiert, dem Gottesdienst zu folgen.
Der alte Mann und die Halskette
Irgendwann bemerkte meine Mutter, dass ich etwas sehr fest in meiner Hand hielt: ihre Handtasche. Sie fragte mich leise, warum ich denn die ganze Zeit ihre Tasche festhalte. Ich antwortete, ebenfalls leise, aber offenbar mit großer Überzeugung: "Weil da vorne ein Dieb sitzt." Als sie das nicht verstand, erklärte ich ihr, woher ich das wusste: Der alte Mann in der Reihe vor uns halte doch eine wertvolle Halskette in der Hand. Die habe er bestimmt gestohlen. Ich riet meiner Mutter eindringlich, auf ihre eigene Halskette, die sie an diesem Tag trug, aufzupassen – damit der Mann diese nicht auch noch stehle.
Meine Mutter musste sich vermutlich sehr zusammenreißen, um in diesem Moment nicht laut loszulachen. Denn der Mann hielt natürlich keine gestohlene Halskette in der Hand – sondern einen Rosenkranz.
Gut 40 Jahre später ist diese kleine Verwechslung noch immer eine der Lieblingsgeschichten meiner Familie. Und inzwischen gehört sie auch zum festen Repertoire meiner Töchter. Wenn ich sie erzähle, kennen sie natürlich längst die Pointe. Trotzdem lachen sie jedes Mal wieder. Vielleicht liegt das daran, dass Kinder eine ganz eigene Art haben, die Welt zu betrachten. Sie sehen etwas und machen sich mit kindlichen Gedanken ihren Reim darauf. Ein Mann hält eine Kette in der Hand – also muss er sie gestohlen haben! Was ein Rosenkranz ist, wusste ich damals offensichtlich noch nicht.
Ich finde es inzwischen aber auch deshalb schön, dass diese Geschichte immer noch erzählt wird, weil sie zeigt, wie Familiengedächtnis funktioniert. Manche Erlebnisse sind objektiv völlig belanglos. Kein Streit, kein Drama, kein großer Familienmoment. Und trotzdem bleibt so etwas hängen. Vielleicht sind es sogar gerade diese kleinen Geschichten, die eine Familie zusammenhalten. Die Geschichten, die man immer wieder erzählt, obwohl man sie längst kennt. Die irgendwann nicht mehr nur davon handeln, was damals passiert ist, sondern davon, wer wir einmal waren.
Papa war nicht immer Papa
Und auch meine Töchter erfahren durch diese Geschichte etwas über mich, das sie sonst kaum erfahren könnten. Sie lernen, dass ich einmal ein kleiner Junge war, der in einem Ostergottesdienst einen Rosenkranz für eine gestohlene Halskette hielt. Dass auch ich mir die Welt einmal ziemlich anders erklärt habe als heute. Vor allem aber merken sie: Papa war nicht immer Papa. Das ist für Kinder eine ziemlich bedeutende Erkenntnis. Die eigenen Eltern sind für sie schließlich immer schon groß. Dass diese Menschen selbst einmal Kinder waren, zur Schule gingen, Unsinn machten und eigene Geschichten erlebten, diese Erkenntnis reift erst langsam. Vielleicht hören meine Töchter deshalb so gerne Geschichten von früher. Sie wollen wissen, wer ich früher war.
Und vielleicht ist das eine der schönen Seiten des Erwachsen- und Älterwerdens: Man sammelt im Laufe der Jahre Geschichten. Manche sind wichtig, andere weniger. Manche möchte man am liebsten vergessen, andere erzählt man immer wieder. Und manchmal wird aus einem kleinen Missverständnis in einem Südtiroler Ostergottesdienst eine Geschichte, die auch nach 40 Jahren noch funktioniert.
Der vermeintliche Dieb, dies sei noch aufgeklärt, hat von all dem nichts mitbekommen.