Ezechiel: Rädernde Engel und eine essbare Schriftrolle
Als Gott den Propheten Ezechiel mit Visionen von blitzenden Engeln auf Rädern konfrontiert und dazu zwingt, eine Schriftrolle zu essen, erschreckt Ezechiel zwar, doch macht er keinen Rückzieher. Er ist einer der vier großen Propheten im Alten Testament. Er gilt auch als Unheilsprophet, dem Gott die Zukunft Jerusalems in Zeichen voraussagte, welche Ezechiel wiederum mit dem jüdischen Volk teilt. Eigentlich hätte Ezechiel dank seiner priesterlichen Ausbildung einen Dienst im Tempel beginnen sollen, doch ließ ihn Gott stattdessen darüber berichten, wie über Jerusalem gerichtet wird: In den Visionen Ezechiels werden der Tempel und die Stadt zerstört.
Historisch gesehen berichtet Ezechiel aus dem babylonischen Exil, denn mit ihm wurden zahlreiche jüdische Menschen aus der Oberschicht nach Babylonien deportiert. Schuld daran und an der Belagerung, Eroberung und Zerstörung Jerusalems war der babylonische Herrscher Nebukadnezar: Insgesamt geht es in dem alttestamentlichen Buch um eine Kriegskatastrophe und die mit ihr in Zusammenhang stehenden Geschehnisse.
Viele Visionen des Propheten verkünden zwar Unheil, doch zeigt Gott Ezechiel auch Bilder, die dem Volk Israels Hoffnung machen sollen. Ezechiel wird als "Wächter" für das Volk einberufen und zeigt sich als untypischer Seelsorger: Obwohl es im ersten Moment nicht so wirkt, verheißt sein Visionsbericht von Totengebeinen (Ez.37,1–4) etwas Gutes. Nämlich, dass Israel durch einen neuen Exodus aus dem Exil erneuert wird und "wieder aufersteht".
Prophetische Kuriositäten
Bei der Schilderung der prophetischen Visionen treten häufig Kuriositäten auf: Eine der spannendsten Engelsvisionen, die auch als Thronwagenvision bezeichnet wird, befindet sich im ersten Kapitel des Ezechiel-Buches. Der Prophet sieht in eine Feuerwolke und erkennt "eine Gestalt von vier lebenden Wesen" (Ez.1,5). Die Gestalt ist umringt von Menschen- und Tiergesichtern, die ineinandergreifende Flügel tragen. Wenn sich die Lebewesen in der Gestalt bewegen, lodern Flammen auf und es blitzt. Deutlich wird, dass der Prophet Zeuge einer überwältigenden Vision geworden ist. Im zehnten Kapitel erhält der Prophet eine weitere Engelsvision, ihm erscheint ein Cherub, also ein Wächterengel.
Am Anfang des Prophetenbuches wird Ezechiel seine Sendung durch den Herrn verkündigt. Dabei soll er gegen seinen Willen eine Schriftrolle essen, doch sobald er diese in den Mund legt, schmeckt sie nach Honig – eine Vorausdeutung darauf, dass nach dem Leid für Jerusalem etwas Gutes auf das jüdische Volk zukommt. Es geht weiter mit Aufforderungen an den Propheten, denn Gott befiehlt Ezechiel: "Du, Menschensohn, nimm ein scharfes Schwert, als Schermesser nimm es her und führe es über dein Haupt und deinen Bart!" (Ez. 5,1). Die jeweiligen Teile seiner Haare soll er verbrennen, in Jerusalem verteilen, in seinem Gewand verbergen und in den Wind streuen. Die Handlungen stehen symbolisch für das, was Jerusalem bevorsteht, denn "das Strafgericht über die Stadt ist nahe", wie es Ezechiel im neunten Kapitel ins Ohr geschrien wird. Daraufhin erhält der Prophet Visionen zur Zerstörung der Stadt, und wie in Jerusalem alle außer Ezechiel selbst von sechs Männern erschlagen werden.
Im letzten Teil des Buches wird der Prophet in einer Vision auf einen hohen Berg Israels gebracht, wo er einen wie aus Bronze gegossenen Mann sieht. Dieser steht in einem Tor und hält eine Schnur mit einer Messlatte in den Händen. Der Mann fordert den Propheten auf, ihm zuzuhören und zeigt ihm eine Vision des neuen Tempels in Jerusalem. Das Buch des Ezechiels endet mit einem Happy End: Er beschreibt das neue Jerusalem – und gibt sogar dessen genaue Größe an.
Das Buch nach dem Propheten Ezechiel haben Christen traditionell als Vorausdeutung auf das Leben Jesu gesehen, da Ezechiel neben dem vielen Leid auch eine "Auferstehung" des zerstörten Jerusalems prophezeit. Allerdings bezieht sich das Neue Testament nicht direkt darauf. Die Visionen finden sich jedoch in der Offenbarung des Johannes wieder und markieren so die Verbindung, die zwischen dem alttestamentlichen Buch Ezechiel und dem Neuen Testament besteht. Ein wiederaufgegriffenes Motiv soll zum einen die Thronwagenvision (Offb 4–5) und die verschlungene Schriftrolle sein (Offb 10,8–10). Das Buch nach dem Propheten Ezechiel soll Einfluss auf die Konzeption der Johannes-Offenbarung gehabt haben. Auch die Kirchenmalereien der Schwarzrheindorfer Doppelkirche nehmen diese Bezüge zwischen Altem und Neuen Testament auf.