Das schubladenlose Denken Jesu
"Die schafft das heute bestimmt nicht", sagt ein Mitpilger zu mir. Wir sind zu Fuß unterwegs auf einer durchaus anspruchsvollen Wallfahrtsstrecke. Eine Frau geht mit uns. Sie hat sichtlich Knieprobleme und nicht die sportlichste Figur. Als mein Mitpilger die Prognose ausspricht, die schafft das nicht, nicke ich und stimme zu. Auch ich habe sie bereits in eine Schublade gesteckt und meine Meinung gebildet. Dabei kenne ich diese Frau eigentlich nicht und doch habe ich sie schon abgeschrieben.
Und das passiert uns Menschen doch immer wieder. Das heutige Sonntagsevangelium erzählt genau davon: Da stecken die Pharisäer Jesus in eine Schublade und haben sich ihr Urteil von ihm bereits gebildet, sie haben ihn abgeschrieben, er passt ihnen nicht ins Bild. Daher stellen sie ihn auf die Probe. Sie fragen ihn: "Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen, oder nicht?" Die Pharisäer wissen, dass sie ihn damit in die Zwickmühle bringen. Denn wenn Jesus sich für das Zahlen der Steuern ausspricht, spricht er sich für eine politische Macht aus, mit denen die Menschen Probleme haben. Sagt er aber, sie sollen keine Steuern zahlen, könnte man es als rebellisch der Politik gegenüber und somit auch gegen Jesus verwenden.
Jesus lässt sich in keine Schublade stecken und befreit sich geschickt aus dieser Zwickmühle. Er beruft sich darauf, dass das Bild des Kaisers auf der Münze eingeprägt ist: "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!" Damit macht er deutlich, dass es die Aufgabe der Menschen ist, sich in das Gemeinwohl einzubringen und Gesellschaft und Politik mitzugestalten. Dazu gehört es dann eben auch, Steuern zu zahlen. Deutlich wird das am Bild des Kaisers, das auf den Münzen eingeprägt ist. Gleichzeitig erinnert Jesus daran, dass Gottes Bild in uns eingeprägt ist. Nach ihm sollten wir uns ausrichten und in seinem Namen handeln.
Für mich heißt das gerade auch, Menschen nicht vorschnell in Schubladen zu stecken und sie abzuschreiben. Die Frau in meiner Pilgergruppe hat den Weg übrigens wider unserer Erwartungen geschafft. Sie erinnert mich mit diesem Evangelium heute daran, dass das nicht nur in politischen und gesellschaftlichen Fragen gilt. Und da gibt es sie ja auch immer stärker, diejenigen, die andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Nationalität in Schubladen stecken und abschreiben. Dieser Gott, der sein Bild in uns geprägt hat, steht für ein anderes Miteinander: ohne Vorurteile, mit Zutrauen dem und der anderen gegenüber.
Evangelium nach Matthäus (Mt 22,15–21)
In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?
Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denár hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!
Luisa Maurer arbeitet als Pastoralreferentin im Bistum Trier und ist Rundfunkbeauftragte des Bistums für den Saarländischen Rundfunk und das Deutschlandradio.
Als Vorbereitung auf die Sonntagsmesse oder als anschließender Impuls: Unser Format "Ausgelegt!" versorgt Sie mit dem jeweiligen Evangelium und Denkanstößen von ausgewählten Theologen.