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Schwester Ursula Hertewich über das Sonntagsevangelium

Eine unerwartete Begegnung

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Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.
Bonn - Sie hätten nur eine Sache gemeinsam und sollten sich vor laufender Kamera kennenlernen: Das sagten die Fernsehleute zu Schwester Ursula Hertewich - und schickten eine muslimische Frau ins Studio. Die Erfahrung, die sie dann machte, hilft ihr beim Verständnis des Evangeliums vom 4. Advent.

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

Vor einigen Wochen war ich eingeladen, an einer Aufzeichnung für die WDR-Reihe "Docupy" mitzuwirken. Ziel der Sendereihe ist es, verschiedenste Menschen zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen zu Wort kommen zu lassen und in Dialog zu bringen. Im Vorfeld wurde mir angekündigt, ich würde vor laufender Kamera einen Menschen treffen, mit dem ich eine Gemeinsamkeit teile, der mir aber ansonsten fremd ist. Eine Stunde lang hätten wir Zeit, uns bekannt zu machen und unsere Gedanken über Gott und die Welt auszutauschen. Ich gestehe, ich hatte Herzklopfen, als ich mich auf den Weg ins Aufnahmestudio machte. Wer würde mich erwarten? Welche Themen würden sich herauskristallisieren?

Dass dieser Abend schließlich zu einem wahren Fest der Begegnung werden würde, hätte ich niemals gedacht. Ich traf eine muslimische Frau, mit der ich – aus der Sicht des Produktionsteams – lediglich die Gemeinsamkeit teilte, aus religiösen Gründen eine Kopfbedeckung zu tragen. Wir schauten uns an, begrüßten uns, setzten uns gemeinsam an einen Tisch und begannen, miteinander zu reden. Binnen kürzester Zeit stellte sich heraus, dass wir beide nicht nur eine Gemeinsamkeit teilten, sondern es viele interessante Parallelen in unser beider Leben gab. Sie entschied sich mit 30 Jahren bewusst dazu, durch eine Kopfbedeckung als Muslima erkennbar zu sein, ich bin mit 30 Jahren ins Kloster eingetreten und trage seitdem den Habit. Sie als erfolgreiche Ärztin und ich als Apothekerin, wir beide konnten uns viel darüber erzählen, wie es uns leiden macht, wenn Frauen allgemein, besonders aber Kopftuchträgerinnen bzw. Ordensfrauen als "wissenschaftlich nicht ganz ernst zu nehmen" belächelt werden. Uns beiden war es wichtig, durch unsere Erkennbarkeit auf der Straße Zeugnis zu geben von dem, was uns heilig ist. Ob es um die Stellung der Frau in unseren Religionsgemeinschaften, die Vereinbarkeit von Glaube und Naturwissenschaft, den großen Respekt vor dem jeweils anderen oder auch um so banale Dinge wie Haarpflege ging – unser Denken und Fühlen war teilweise so ähnlich, dass es uns zum Lachen brachte. Am Ende konnten wir gar nicht mehr aufhören uns zu freuen und hatten nicht den geringsten Zweifel daran, dass unser Treffen eine wunderbare Fügung des Himmels war.

Zwischenmenschliche Erfahrungen wie diese helfen mir, mich in das heutige Tagesevangelium einzufühlen. Auch hier treffen zwei Frauen aufeinander, die bei aller Verschiedenheit mehr als eine Gemeinsamkeit teilen. Elisabeth, die unfruchtbar war, hat noch in hohem Alter ein Kind empfangen, während Maria spürt, wie das göttliche Kind in ihr heranreift. Kein Wort vermag wohl auszudrücken, was diese beiden Frauen empfinden, die das Wirken Gottes am eigenen Leib auf unbegreifliche Weise erfahren haben. Und es braucht auch gar keine erklärenden Worte, dass die Begegnung der beiden in tiefes Verstehen mündet: "Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib." – Die freudige Resonanz des Kindes macht Elisabeth den Heilsplan Gottes offenbar, der in Maria im wahrsten Sinne des Wortes Hand und Fuß bekommt. "Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ", ruft sie voller Begeisterung aus.

Mit großen Schritten bewegen wir uns in diesen Tagen auf das Weihnachtsfest zu. Für mich persönlich ist es deutlich mehr als ein frommer Wunsch, wenn ich darum bete, dass dieses Fest von einem tiefen Erkennen geprägt sein möge. Dass wir uns im Innersten berühren lassen von der Wirklichkeit des Anderen, um so auch unser eigenes Leben in einem neuen Licht sehen zu können. Dass uns Sternstunden der Begegnung geschenkt werden mögen, die offenbar machen, wie Gott auch heute noch in unserer zerrissenen Welt Heilgeschichte schreibt. Dass wir nicht müde werden, miteinander zu glauben, füreinander zu hoffen und einander zu lieben, wie wir von Gott her geliebt sind.

Evangelium nach Lukas (Lk 1, 39-45)

Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.  Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt  und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.

Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?  Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.  Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

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