Gott ist kein ignoranter Richter
Impuls von Schwester Ursula Hertewich
Krasser geht es nicht - um seine Jünger zum immerwährenden Gebet zu motivieren, verwendet Jesus ein Gleichnis, welches mich schon fast zum Schmunzeln bringt: Da ist dieser ungerechte Richter, ein rücksichtsloser Kerl, völlig in sich verschlossen und Gott und den Menschen gegenüber maximal ignorant. Ihm gegenüber eine arme Witwe, die einerseits zwar völlig mittellos ist, sich aber dennoch durch eine Begabung auszeichnet, die niemals unterschätzt werden sollte: Ausgesprochene Hartnäckigkeit. Steter Tropfen höhlt den Stein – wie oft mag sie wohl bei ihm vor der Tür gestanden haben? "Lange wollte er nichts davon wissen", so lesen wir, aber dann schafft es diese arme, mittellose Frau tatsächlich – wenn nicht das Herz des Richters zu erweichen, so aber doch wenigstens, ihr Anliegen durchzuboxen.
Ein solch schroffes Bild zeichnet Jesus, um seinen Jüngern und uns deutlich zu machen, WIE lächerlich es ist, wenn wir auch nur eine Sekunde daran zweifeln, dass der dreifaltige Gott, in dessen innergöttliche Liebesbeziehung wir ganz und gar hineingenommen sind, uns unverzüglich zu unserem Recht verhelfen wird. So könnten wir dieses Evangelium nun auch innerlich durchwinken, uns am heutigen Sonntag ganz bequem in den Sessel zurücklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen – wäre da nicht unsere Erfahrung eine ganz andere. Haben wir in unserer Beziehung zu Gott nicht manchmal viel eher den Eindruck, es mit dem unbarmherzigen Richter statt mit dem "lieben Gott" zu tun zu haben? Wer von uns hat sich in ausweglosen Situationen nicht auch schon einmal gefühlt wie die arme Witwe, die sich im Gebet zig – wenn nicht hunderte Male auf den Weg macht, aber am Ende doch gegen eine verschlossene Tür anrennt? Oder umgekehrt – wie selten sind dagegen die Erfahrungen, dass wir mit Hingabe für etwas beten, und uns dann gefühlt unverzüglich zu unserem Recht verholfen wird?
In diesen Erfahrungshorizont passt dann auch die Frage, die Jesus am Ende stellt: "Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?" - "Gott, wenn du so mit deinen Freunden umgehst, dann wundert es mich nicht, dass du nur so wenige hast…", soll die große Heilige Teresa von Avila einmal gebetet haben. In der Tat, im Glauben mit Gott unterwegs zu sein und ihm nicht die Freundschaft aufzukündigen, erfordert schon ein hohes Maß an Frustrationstoleranz und manchmal sogar Hartnäckigkeit.
Aber paradoxerweise: je mehr ich mir darüber Gedanken mache, umso mehr wird mir bewusst: Gott sei Dank ist das so! Denn ich stelle mir unter einer echten Beziehung definitiv etwas anderes vor, als dass mein Gegenüber die große Wunscherfüllungsmaschine ist, in die ich oben eine Münze hineinwerfe und aus der unten die Lösung meiner Probleme herauskommt. Eine solche Beziehung wäre eine Zweckgemeinschaft, ein Abhängigkeitsverhältnis, welches unserer menschlichen Natur in keiner Weise gerecht würde. Spätestens seit Gott sich in Christus quasi selbst zur "armen Witwe" gemacht hat und zum Sklaven aller wurde (vgl. Phil 2,6), ist deutlich geworden: Er ist nicht der ignorante Richter, der unberührt von menschlicher Not im siebten Himmel thront, nein, Er ist derjenige, der sich aller Macht entledigt, sich ganz in unsere Lebenswirklichkeit hineinbegeben und gerade so unserem Menschsein seine tiefste Würde geoffenbart hat. Das ist die Wahrheit, der wir Glauben schenken dürfen - Glauben, der über alle menschliche Erfahrung hinausgeht.
Evangelium nach Lukas (Lk 18, 1-8)
In jener Zeit sagte Jesus ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten: In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.
In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht;trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.
Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?
Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?