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Schwester Ursula Hertewich über das heutige Sonntagsevangelium

Jesus erschüttert die selige Heilsgewissheit

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Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Bonn - Kommen wir in den Himmel, weil wir so brav sind, wie es in einem Karnevalslied heißt? Jesus erschüttert diese selige Heilsgewissheit im heutigen Evangelium. Schwester Ursula Hertewich legt den Text aus.

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

"Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel – weil wir so brav sind, weil wir so brav sind…" – so lautet der Refrain eines beliebten alten Karnevalsschlagers. Diese selige Heilsgewissheit wird durch das heutige Sonntagsevangelium scheinbar jäh erschüttert. Da steht am Anfang die ängstliche Frage eines Menschen, der gerne von Jesus wissen möchte, wie hoch denn schätzungsweise die Quote derer sein wird, die am Ende auf der richtigen Seite stehen und gerettet werden.

Und Jesus, dem es fern liegt, sich auf solche Rechenspielchen einzulassen, antwortet mit einer Aufforderung, die eindringlicher nicht sein könnte: "Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!"

Das also ist der Schlüssel zur Tür, die ins ewige Leben führt – doch was bedeutet das? Anknüpfend an die weiteren Ausführungen Jesu wage ich zu behaupten, dass seine Worte nichts anderes als eine Provokation zur Mensch-Werdung sind. Im folgenden Gleichnis erzählt Jesus von denen, die am Ende draußen vor der Tür bleiben müssen: Es sind diejenigen, die der Hausherr nicht kennt. Das Krasse ist: Er kennt sie nicht, obwohl sie einmal ganz vorne dabei waren, obwohl sie sogar gemeinsam mit ihm gegessen und getrunken haben! Einen bleibenden Eindruck scheinen sie wohl nicht hinterlassen zu haben…

Mir kommen Worte des französischen Jesuiten Ives Raguin aus dem Buch "Wege der Kontemplation in der Begegnung mit China" in den Sinn: "Viele brechen nur scheinbar auf. Sie tragen nur ein Gespenst ihrer selbst mit sich fort, eine abstrakte Puppe. Sich selber bringen sie vor dem Aufbruch in Sicherheit. (…) Sie bilden sich eine künstliche Persönlichkeit, eine ausgeliehene, nach Büchern zurechtgemachte, und diesen Roboter, diesen Schatten ihrer selbst schicken sie auf die Suche nach Gott. Nie treten sie mit ihrem ganzen Wesen in die Erfahrung ein. (...) Gott will ein leibhaftiges Wesen vor sich sehen, das weinen kann, schreien unter den Wirkungen seiner läuternden Gnade; er will ein Wesen, das um den Wert menschlicher Liebe weiß und die Anziehung des anderen Geschlechts kennt. Er will ein Wesen, das den heftigsten Wunsch verspürt, ihm zu widerstehen, warum nicht? (...) Gott will ein menschliches Wesen vor sich sehen, sonst hätte seine Gnade nichts zu verwandeln; das wirkliche Wesen wäre entwischt. Hier aber pflegt das Unglück zu geschehen: zu viele unter denen, die sich Gott geben, haben seinem Wirken nur eine ausgeliehene Persönlichkeit ausgesetzt."

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie groß die Versuchung sein kann, in der Beziehung zu Gott das Idealbild der eigenen Persönlichkeit ins Rennen zu schicken, statt mich von Ihm ganz er-kennen zu lassen, mit allen Facetten meiner Wirklichkeit. Indem ich jedoch selbst darüber richte, welche Seiten würdig sind, in die Begegnung mit Gott einzutreten und welche Abgründe ich lieber unerkannt lassen möchte, tue ich Ihm und mir selbst zutiefst unrecht.

Um noch einmal auf den anfangs erwähnten Karnevalsschlager zurück zu kommen: Ich persönlich bin absolut gewiss, dass wir alle in den Himmel kommen, aber nicht deshalb, weil wir so brav sind, sondern weil wir von Ihm, unserem Schöpfer, bedingungslos geliebt und angenommen sind. Mit allen Kräften versuchen, durch das enge Tor zu gelangen, bedeutet für mich nichts anderes, als immer mehr in diesen unfassbaren Grund unseres Lebens hineinzuwachsen und darin frei zu werden. Frei zu lieben, und frei, mich lieben zu lassen.

Evangelium nach Lukas (Lk 13, 22-30)

In jener Zeit zog Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.

Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid.

Dann werdet ihr sagen: Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken, und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird erwidern: Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle unrecht getan!

Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.

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