Jesus gegen das Stimmengewirr im Kopf
Impuls von Schwester M. Salome Zeman
In mir sind viele Stimmen. Die Stimme der Vernunft und die des Herzens sind vielleicht die offensichtlichsten und bekanntesten, aber wenn ich meinen inneren Dialogen gut zuhöre, kann ich noch viel mehr Stimmen ausmachen. Da ist die Stimme, die fast so klingt wie meine Mutter. Da ist die, die sich nichts zutraut und vor allem Angst hat, was neu ist. Da ist die, der immer sofort langweilig ist, und die ständig nach neuen Herausforderungen oder zumindest nach Ablenkung sucht. Da ist die, die es bequem haben will, und die, die auf jede Bequemlichkeit verächtlich herabblickt. Da ist die, die sich leicht begeistern lässt und mit ihrer Begeisterung auch mal zu weit geht, und die, die sich kaputt lacht über alles, was auch nur im Ansatz lustig ist. Da ist die, die schnell wütend wird, die nichts aushält und alles doof findet.
Bei jeder Entscheidung muss ich mich fragen: welcher Stimme schenke ich Gehör? Welcher Stimme höre ich lieber zu, welche schiebe ich immer in den Hintergrund und lasse sie niemals laut werden? Oder, um mit dem heutigen Evangelium zu sprechen: wer ist mein Hirte, auf dessen Stimme ich höre? Von wem will ich, dass er mein Hirte ist, und wer besetzt diese Stelle gerade wirklich?
Ich kenne all diese Stimmen aber nicht nur aus meinem Inneren. Es gibt sie auch in der Welt, in meinem Alltag genauso wie in der großen Politik. Da ist die Unberechenbare, die täglich etwas Neues will, die verbal oder auch tatsächlich um sich schlägt. Die Stimme, die zum Nachdenken und zur Vernunft aufruft, und die, die über alles hinweglacht und nichts wirklich ernst nimmt, die Stimme, die aus der Angst heraus argumentiert und alles Fremde ablehnt, und viele andere Stimmen.
Auf wen will ich hören? Auf wen höre ich? Und wie kann ich entscheiden, welche Stimme die "Richtige" ist? Der Schlüssel für die Antwort liegt im Evangelium. Jesus sagt: Ich bin die Tür. Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Wenn Jesus meine Tür ist, wenn alles, was in mir ist oder von außen auf mich zukommt, zuerst durch Jesus hindurch muss, dann wird mich das alles zum Leben führen. Oder andersherum, was mich zum Leben bringt, was nicht nur zerstört und klein macht, das wird auch durch Jesus gehen. Ich kann keine der Stimmen von vornherein als falsch einfach wegschieben, denn jede Stimme hat einen Grund, dass sie so spricht. Aber nicht jede Stimme muss ich in mich aufnehmen, denn nicht jede ist mir hilfreich und führt mich zum Leben – das ist im Inneren wie im Äußeren so.
Mit Jesus als der Tür kann ich erkennen, in welcher Stimme ich auch seine Stimme höre: welche Menschen mich zu ihm und ins Leben bringen, und welche mich daran hindern zu wachsen und zu leben.
Evangelium nach Johannes (Joh 10, 1-10)
In jener Zeit sprach Jesus: Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.
Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.