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Stephan Wahl über das heutige Sonntagsevangelium

Jesus spricht Klartext

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Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Bonn - Im heutigen Evangelium kann sich Jesus nicht zurückhalten, die Spielchen um die besten Plätze beim Gastmahl unmissverständlich zu kommentieren. Ist das moralisierend? Stephan Wahl legt den Text aus.

Impuls von Stephan Wahl

Deutlicher geht es kaum noch. Jesus spricht Klartext und es ist ihm egal, was der Gastgeber und die anderen Gäste davon halten. Wer ihn einlädt muss damit rechnen, dass Jesus sagt, was er denkt. Ohne Schnörkel, ohne diplomatische Rücksichten, nur sich und seiner Wahrheit verpflichtet. Und diese Wahrheit macht frei - allerdings anderes als man es erwartet. Das wusste man wohl damals schon und nicht umsonst erzählt Lukas, dass "man ihn genau" beobachtete. Das macht Jesus allerdings auch und kann sich nicht zurückhalten, die selbstbezogenen Spielchen um die besten Plätze unmissverständlich zu kommentieren. "Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Das klingt nach übertriebener Demut und Moral meint aber, sich frei zu machen und nicht abhängig zu sein von Ansehen, Titel und äußerlichem Glanz. Wer sich davon löst, wird frei, gelassener und damit auch menschlich-verträglicher.

Wie in dieser Geschichte, die sich in meiner ehemaligen Schule zugetragen hat: Ein Vater brachte seinen Sohn in das Internat. Die beiden fuhren mit Chauffeur vor und ließen diesen auch die Koffer tragen. An der Pforte trafen sie auf den Internatsleiter. Der Vater kannte ihn nicht, denn seine Frau hatte den Jungen angemeldet. Ohne sich vorzustellen, nahm der Internatschef dem Chauffeur die Koffer ab und begleitete die Drei in das neue Zimmer des Sohnes.

Dort angekommen stellte er die Koffer vor den Schrank und hörte, wie der Vater dem Chauffeur eine Anweisung gab. Der drehte sich ihm zu und drückte ihm mit herablassender Miene einen 5-Euro-Schein in die Hand. "Das ist für Sie, und jetzt führen Sie uns doch bitte zum Herrn Internatsleiter". Der wiederum bedankte sich, steckte das Geld in die Tasche und erwiderte mit schmunzelnder Miene: "Der steht vor Ihnen. Ich freue mich, Sie kennenzulernen." Dem Vater und seinem Begleiter verschlug es zuerst die Sprache. Dann überbot man sich in Entschuldigungen. Peinlich, den Chef mit irgendeinem Angestellten zu verwechselt zu haben. Diesem war das jedoch alles andere als unangenehm. Ihm machte es sogar Spaß, auf diese Weise den ganzen Titelsnobismus und den "Ich-bin-was-besseres-Dünkel" durcheinanderzuwirbeln.

Davon spricht auch das heutige Evangelium. Autorität und wahre Größe sind keine Frage von äußerem Ansehen und klangvoller Visitenkarte. Davon und von ähnlichen Zwängen befreit, wird es auch leichter, nicht in eigenen Kreisen verhaftet zu bleiben, sondern andere Menschen zu sich einzuladen - ohne Gegenleistung. Viele Flüchtlinge haben das bei uns schon erleben dürfen und werden es hoffentlich immer wieder erfahren. Ihre Freude zu erleben "erhöht" auf ganz unspektakuläre Weise: aus dem Kreisen um sich selbst in eine Freude, die man sich selbst nicht geben kann.

Evangelium nach Lukas (Lk 14, 1.7-14)

Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen:

Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.

Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.

Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten.

Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

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