Krümel der Menschlichkeit
Impuls von Schwester Anne Kurz
"Anne, das sind nur Krümel – davon kannst Du nicht leben." Ich höre noch die Stimme dessen, der diese Worte vor langer Zeit an mich richtete. Sich nicht mit zu wenig zufrieden zu geben, sondern sich auszustrecken nach dem, was uns inwendig ruft und lockt, beflügelt und setzt Kräfte frei. Eine Vision, Leidenschaft und Ideale lassen vorankommen.
Im heutigen Evangelium spielen Krümel eine entscheidende Rolle. Schon bei der großen Brotvermehrung wird Brotresten und Krümeln hohe Aufmerksamkeit entgegengebracht. Nach der Speisung füllen sie zwölf Körbe.
Wenig später zieht sich Jesus wieder zurück, diesmal in heidnisches Gebiet. Möglicherweise gärt der gewaltsame Tod von Johannes dem Täufer in ihm. Ein gewaltsamer, ungerechter Tod macht offenbar, wie verletzlich der Mensch ist. Stückwerk. Zerbrechliche Gefäße. Angesichts dessen kann der Eindruck aufsteigen, die eigene Kraft umsonst und nutzlos vertan zu haben. Das eigene Leben scheint wirkungslos und unwichtig – zerbröselt in Krümel.
Vielleicht war Jesus in einer solchen Stimmung, als die fremde heidnische Frau sich nähert. Sie bittet um Heilung für ihre kranke Tochter. Schroff abweisend zeigt sich Jesus. Seinen Jüngern erklärt er, dass er nicht zuständig ist. Ihr antwortet er, das Brot sei für die Kinder bestimmt, Hunde gehen leer aus. Es reicht nicht für die Heiden.
Sagt das der, der gerade zuvor mehr als fünftausend Menschen mit zwei Fischen und fünf Broten gespeist hat? Schwer zu glauben. Es ist, als wolle Jesus den traditionellen Glauben bewusst an die Wand fahren: "Nicht zuständig und keine Mittel." Das ist die Enge und das Ende eines nicht mehr tragenden Glaubens.
Doch in diesem Moment steht der Glaube der fremden Frau auf. Tiefe Menschlichkeit erhebt sich und bahnt dem entscheidend Neuen den Weg: Wenn Brot nicht möglich ist, dann werden Krümel genügen.
Das Angesicht Gottes, der seine Hand auftut und alles sättigt, was lebt, leuchtet auf. Vielleicht hat Jesus ihrer gedacht, als er beim letzten Abendmahl das Brot in viele Stücke gebrochen hat.
Frère Roger, heute vor 15 Jahren von einer verwirrten Frau tödlich verletzt, hatte erfahren, dass es unzufrieden stimmt, Gott nur Bruchstücke oder Krümelteile seiner selbst anzubieten. Er schrieb: "Du, Christus, wolltest nicht einige Bruchstücke, sondern unser ganzes Leben." Aber er verstand, dass das Ideal der Lebenshingabe sich im Leben von "Krümeln" vollzieht: "Lebe, was du vom Evangelium begriffen hast und sei es noch so wenig. Aber lebe es!"
Krümel der Menschlichkeit, der Liebe, der Freundschaft, geteilt und verkostet, enthalten noch immer die Kraft, die Welt zu bewegen.
Evangelium nach Matthäus (Mt 15,21-28)
In jener Zeit ging Jesus weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.
Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.