So erkennt man den wahren Gott
Impuls von Schwester Ursula Hertewich
Ewiges Leben… ein ziemlich verlockender Gedanke. Leben, welches nicht vom Tod bedroht ist, Leben in einer ungeahnten Qualität, unbeschwert von Ängsten und Sorgen. Leben ohne Zeitdruck… Ungestörtes Leben im Kreise meiner Liebsten… Stellen Sie sich vor, jemand würde plötzlich vor Ihnen stehen, und Ihnen ewiges Leben anbieten – was genau wären Ihre persönlichen Vorstellungen von diesem ewigen Leben?
Im heutigen Sonntagsevangelium hören wir einen Ausschnitt aus den Abschiedsreden Jesu. Im Abendmahlssaal, unmittelbar bevor er verraten, ausgeliefert und auf grausamste Weise hingerichtet wird, eröffnet Jesus dem Kreis seiner engsten Vertrauten sein Testament. Unverhüllt lässt er seine Jünger teilhaben an der innigen Beziehung zu seinem himmlischen Vater und bringt seine Sendung auf den Punkt: Alle Macht wurde ihm gegeben, damit er allen, die ihm gegeben wurden, ewiges Leben schenkt. Und was genau wir unter diesem ewigen Leben verstehen dürfen, beschreibt er so: "Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast."
Aha. Das ist also das ewige Leben – "nur" erkennen und nichts weiter? Mir fällt dazu ein prägendes Erlebnis aus meiner Kindheit ein. Ich weiß noch gut, wie gerne ich früher mit meiner Mutter einkaufen ging. Doch es gab eine Regel, an die ich mich während unserer Einkaufstouren zu halten hatte: Meine Mutter machte mir unmissverständlich klar, dass sie es nicht dulden würde, wenn ich im Geschäft anfinge zu quengeln und um irgendwelche Süßigkeiten zu betteln. Nie mehr würde sie mich mitnehmen, wenn sie ein solches Theater erleben würde, und ich ahnte, dass sie es sehr ernst meinte.
Eines Tages, ich war vielleicht sieben Jahre alt, hatte ich furchtbar schlechte Laune – ich wusste gar nicht mehr wohin mit meinem Frust. Da kam es mir gerade gelegen, dass ich meine Mutter zum Einkaufen begleiten sollte. Das Teufelchen in mir schmiedete auf der Autofahrt den Plan: "Heute bring‘ ich sie zur Weißglut." Und ich wusste auch, wie dieses Vorhaben in kürzester Zeit in die Tat umgesetzt werden könnte: Ich benahm mich unterirdisch, bettelte und quengelte was das Zeug hielt, und war mir absolut sicher, dass meine Mutter explodieren und mich wie auch immer bestrafen würde. Doch es kam ganz anders: Sie schaute mich an, mit einem durch und durch liebevollen Blick, streichelte mir über den Kopf und fragte: "Ursula, was möchtest du denn? Ich kaufe dir gerne etwas." Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Augenblick zurückdenke. Der ganze Frust brach in Sekundenschnelle in sich zusammen, wie wenn jemand mit einer Nadel in einen Luftballon sticht. Was zurückblieb, war zunächst einmal eine große Scham, aber verbunden mit dem Gefühl, unendlich geliebt zu sein. Es hört sich vielleicht verrückt an, aber in diesem Moment habe ich meine Mutter wirklich erkannt - als die, deren Liebe nicht an irgendwelche Bedingungen geknüpft ist. Ich erkannte, dass ich in der Beziehung zu ihr um nichts, rein gar nichts zu kämpfen brauchte, weil sie mir sowieso ihr Alles geben würde. Und schlagartig war alles, wirklich alles gut für mich – als hätte mich jemand aus der Entfremdung nach Hause geführt.
Ich weiß, es ist Luxus, eine solche Liebe im Elternhaus zu erfahren, und ich weiß auch, dass wir die bedingungslose Liebe Gottes noch einmal in ganz anderen Größenordnungen ansiedeln dürfen. Aber wenn Jesus im heutigen Evangelium davon spricht, dass es das ewige Leben ist, den einzigen wahren Gott und ihn, den Christus zu erkennen, dann ahne ich, dass es genau um die Erkenntnis dieser Liebe geht, die alles menschliche Begreifen übersteigt. Diese Liebe setzt uns frei. Diese Liebe nimmt uns die Furcht. Diese Liebe holt uns heim, auf welche Abwege auch immer wir geraten sind. In dieser Liebe dürfen wir auch uns selbst erkennen - ohne Angst, in irgendeiner Weise nicht gut genug zu sein. Diese Liebe heilt und lässt uns aufblühen mit allen Facetten unseres Seins. Ja, dieses selige Erkennen ist wirklich ewiges Leben.
Evangelium nach Johannes (Joh 17, 1-11)
In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.
Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.
Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.
Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten.
Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen, und sie haben sie angenommen. Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.
Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.