Und plötzlich erfüllt sich die Schrift
Impuls von Schwester Christine Klimann
Es ist eine Szene, bei der ich gerne dabei gewesen wäre. Erst begann es wie immer. Jesus ging in die Synagoge, so wie immer am Sabbat seit jenem Tag, damals, als Josef ihn das erste Mal mitgenommen hatte. Er war zwar einige Zeit weggewesen, und man fragte sich ein wenig, was er da eigentlich getrieben hatte; ein paar schräge Geschichten gab es auch, aber vermutlich waren sie nicht wahr. Und nun war er ja wieder da. Als er an der Reihe war, reichte man ihm das Buch, so wie immer. Im Kino würde nun Musik einsetzen, erst leise zwar, aber unüberhörbar dramatisch. Jesus schlägt das Buch auf.
Wozu sind wir eigentlich auf der Welt? Um irgendwann einmal endlich einen eigenen Garten zu besitzen oder auch einmal im Pfarrgemeinderat gewesen zu sein? Um die Zugspitze im ersten Morgenlicht leuchten zu sehen oder das Meer, oder den Universitätsabschluss der Tochter, endlich, mit einem Gläschen Sekt zu begießen? Wozu sind wir auf der Welt?
Jesus beginnt zu lesen. Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt … Er liest und es ist wie immer – und doch ist es ganz anders. Diese Worte, die er doch so gut kennt, es ist, als würde er sie zum allerersten Mal lesen. Er hat schon so einiges erlebt, am Jordan, in der Wüste und in den Dörfern der Umgebung, aber jetzt liegt eine neue Klarheit in der Luft. Ob die anderen es auch spüren? Im Kopf fangen die alten Worte ganz neu zu klingen an: Ich bin gesandt. Zu den Armen, den Blinden, den Zerschlagenen. Zu befreien, zu trösten, zu heilen. Ich bin gesandt …
Sicher, mit Jesus war es etwas Besonderes. Und ich glaube auch nicht, dass Gott einen fertigen Plan für mein Leben oder das irgendeines Menschen hätte, den es mittels komplizierter Methoden herauszufinden gälte. Aber ich glaube, dass Gott ruft und dass es, um auf diesen Ruf zu hören, gilt, auf den Zusammenklang der drei Momente zu achten, von denen in diesem Evangelium die Rede ist. Da ist eine innere Sehnsucht, noch vage vielleicht, ein Gezogensein oder eine Bereitschaft. Da ist eine äußere Not und ein Anruf, der in Einklang ist mit dem Wunsch Gottes für diese Welt. Und da ist dieser Moment, Kairos, geistgewirkt, in dem sich beides, das Äußere und das Innere, berührt und zu schwingen beginnt. Ich bin gemeint. "Heute hat sich erfüllt…"
Wozu bin ich auf der Welt? Vielleicht gibt es nicht nur diesen einen absoluten Moment, der alles klärt, sondern immer wieder neue Momente, auf die achtsam zu sein sich lohnt. Momente, in denen ein klein wenig von dieser großen Wahrheit aufleuchtet: Auch ich bin gesandt.
Evangelium nach Lukas (Lk 1, 1-4; 4, 14-21)
Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren.
Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.
Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.
So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt:
Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.