"Vor Gott reich sein" wirkt immer in zwei Richtungen
Impuls von Pater Philipp König
Was hat der reiche Mann im Evangelium eigentlich falsch gemacht? Er hat doch vernünftig gehandelt, indem er größere Scheunen für seine Vorräte baute. Mit dem eigenen Besitz sorgsam umzugehen und ihn gut anzulegen, ist zunächst etwas Sinnvolles. Ich weiß von vielen wohlhabenden Menschen, die ihr Vermögen sehr verantwortungsvoll einsetzen und damit viel Gutes für andere tun.
Ich glaube, das Problem des reichen Mannes liegt tiefer: Alles, was er tut, macht er mit sich allein aus: er überlegt bei sich selbst (V. 17), er spricht zu seiner Seele (V. 19). In seiner Ichbezogenheit wirkt er isoliert, ohne Verbindung zu seinen Mitmenschen oder zu Gott. Anstatt in Beziehung zu sein, verliert er alles andere aus den Augen und lebt schließlich nur noch für sich selbst: "Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich!" (V. 19)
Der reiche Mann bringt sich dadurch um entscheidende Lebensperspektiven. Wenn Besitz zum Selbstzweck wird und alle Lebensbereiche sich ihm unterordnen, dann wird aus Reichtum Habgier. Ein habgieriger Mensch erliegt dem Trugschluss, sich selbst genug zu sein, nichts und niemanden mehr zu brauchen. Dies hat gravierende Folgen, für die Besitzenden ebenso wie für die Armen!
Die Armen werden durch die Ignoranz der Habgierigen um ihre Lebensgrundlage gebracht. Ob bewusst oder unbewusst: Das Konsumverhalten jedes einzelnen hat Auswirkungen auf andere. Basilius der Große hat das schon im 4. Jahrhundert auf eindringliche Weise angeprangert: "Es ist das Brot des Hungrigen, das du aufhebst, es ist das Kleid des Nackten, das du im Zimmer bewahrst, es ist der Schuh des Unbeschuhten, der bei dir vermodert." Aktuell erleben wir eine zunehmende Sensibilisierung für diese Zusammenhänge, erfreulicherweise auch in ihrer globalen Dimension und im Hinblick auf künftige Generationen.
Doch auch die Besitzenden berauben sich selbst einer ganz wesentlichen Dimension des Lebens, wenn sie meinen, sie würden sich selbst genügen. Oft geschieht dies sogar in allerbester Absicht: wenn sie nämlich solidarisch mit den Armen sein wollen, dabei allerdings übersehen, dass Solidarität keine Einbahnstraße ist. Wer anderen helfen will, muss zuerst in Demut empfangen, was sie geben wollen. Denn jeder Mensch hat etwas zu geben, was für andere wertvoll ist. Leben ereignet sich nur in wechselseitigem Austausch.
Seit Kurzem hat der Dominikanerorden, dem ich selbst angehöre, einen neuen Ordensmeister. Fr. Gerard Timoner, der von den Philippinen stammt, hat in einer seiner ersten Predigten als Ordensmeister das II. Plenarkonzil der Philippinen von 1991 zitiert. Darin heißt es: "Niemand ist so reich, dass er nichts empfangen kann. Und niemand ist so arm, dass er nichts geben kann."
"Reich vor Gott" zu sein, wie Jesus es nennt, geht also immer in zwei Richtungen: Einmal, die eigenen Schätze großzügig mit anderen zu teilen. Davor noch geht es darum, dankbar anzunehmen, was andere mir zu geben haben. Insofern hat jeder Mensch die Möglichkeit, "reich vor Gott" zu sein, ganz egal, wie viel oder wenig er besitzt.
Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 12, 13–21)
In jener Zeit bat einer aus der Volksmenge Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen! Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt? Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte.
Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht.
Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr!
Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.
Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.