Was ist das Wichtigste im Leben?
"Welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz?", wurde Jesus von einem Gesetzeslehrer gefragt. Jesu Antwort ist erhellend und befreiend zugleich. Und sie ist die große Zielmarke für jeden Menschen, der sich Christ nennen möchte. Das Wichtigste ist: "Du sollst mit allem, was dich ausmacht – mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Denken, den Herrn, deinen Gott lieben. UND du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Punkt, Doppelpunkt, Ausrufezeichen.
Über Jahrhunderte galt eher die Gottesfurcht oder die Angst vor Gott, und die Nächstenliebe war für Christen die Leitlinie Nummer Eins. Die Selbstliebe wurde nicht nur vergessen, sie war moralisch verpönt und wurde als Egoismus gebrandmarkt. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich da Gott sei Dank einiges verändert, die Liebe zu Gott und das "wie dich selbst" wurden neu entdeckt.
Wenn man Umfragen glauben will, dann ist das Wichtigste im Leben von heutigen Menschen – gläubig, andersgläubig oder ohne religiösen Bezug – die Gesundheit, Liebe und Beziehungen, Selbstbestimmung, eine sinnvolle Arbeit, Glück, Heimat, Zufriedenheit und Sinn. Für mich, einen 64-jährigen Mann, der sich als Seelsorger um Kranke kümmert, gelten diese Werte plus eine spirituelle Erfüllung auch.
Liebe – Glaube – Gott
Bei der Vorbereitung für diesen Beitrag kam mir dann die Idee, eine gute Bekannte anzurufen, um ihr spontan folgende Frage zu stellen: "Was ist das Wichtigste in deinem Leben?" Die 40-jährige Frau, die im Wirtschaftsbereich als geschäftsführende Assistentin arbeitet, antwortete wirklich spontan: "Liebe – Glaube – Gott". Ich antwortete etwas irritiert, weil ihre Antwort doch recht fromm rüber kam: "Wirklich?" "Ja, weil Liebe alle meine Beziehungen umfasst. Der Glaube bezieht sich auf meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Und Gott umfasst alles miteinander."
In Kirchenkreisen wird oft gejammert, dass jüngere Menschen nichts mehr glauben, dass der Glaube verdunstet oder gar nicht mehr relevant ist und dass es mit dem Christentum in unserer Gesellschaft den Bach runter geht. Ich bin nicht dieser Meinung!
Es verändert sich in der Tat viel in unserer Glaubenslandschaft. Auch die Kirchenzughörigkeit nimmt aus was für Gründen auch immer ab. ABER: Die Antwort einer Frau, die mitten im Leben steht und spontan den Glauben, die Liebe und Gott im Ranking der wichtigsten Werte ihres Lebens nennt, lässt mich nicht nur staunen, sie lässt mich hoffen.
Jesu Antwort der Gottes- , Nächsten- und Selbstliebe findet in der heutigen Zeit und in unserer heutigen Gesellschaft erfreuliche Neuinterpretationen. Sie zeigen, wie Glaubensleben heute doch lebendig sein kann.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 22, 34–40)
In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen.
Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Pater Christoph Kreitmeir ist Franziskaner und arbeitet in der Klinikseelsorge am Klinikum Ingolstadt, in der Erwachsenenbildung und bei Lebenshilfesendungen im Radio Horeb.
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