Ist die Bibel doch ein Märchen?
Meine Tochter möchte wissen, wie die Welt funktioniert. Warum Vulkane ausbrechen. Wie groß das Weltall ist. Warum manche Menschen blaue Augen haben. Omas kleiner sind als Mamas. Und wie Blitze entstehen. Dafür schauen wir "Die Sendung mit der Maus", lesen "Wieso? Weshalb? Warum?"-Bücher und gehen ins Discovery Museum. Und dann kommt die Bibel ins Spiel.
Meine Tochter spricht im Religionsunterricht über die Schöpfungsgeschichte. Darüber, dass Gott Licht und Dunkelheit erschafft, Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und schließlich den Menschen. Auch im Gottesdienst hören wir aus der Bibel davon. Und plötzlich wird es kompliziert. Denn natürlich weiß meine Tochter längst, dass die Erde nicht innerhalb von sechs Tagen entstanden ist. Sie weiß vom Urknall, von Sternenstaub – diesen Namen trägt auch ihr Fahrrad – und davon, dass es unseren Planeten schon unvorstellbar lange gibt. Und ich möchte auf keinen Fall, dass sie irgendwann denkt: Mama hat mir damals erzählt, das sei alles genauso passiert.
Gleichzeitig möchte ich aber auch nicht sagen: "Ach, das ist eben nur eine Geschichte." Also versuche ich zu erklären, dass die Menschen, die die Texte der Bibel erzählt und aufgeschrieben haben, keine Kameras dabei hatten, als die Erde entstand. Dass die Bibel kein Sachbuch ist, in dem wir nachlesen können, wie viele Milliarden Jahre etwas gedauert hat. Die Menschen damals haben die Welt mit dem Wissen beschrieben, das sie hatten – und mit Bildern, die sie verstanden. Aber deshalb ist die Bibel für mich noch lange kein Märchenbuch.
Wissenschaft und Bibel schließen sich nicht aus
Denn für mich erzählt die Schöpfungsgeschichte gar nicht in erster Linie davon, wie die Welt entstanden ist. Sie erzählt davon, dass die Welt nicht bedeutungslos ist. Dass Licht gut ist. Wasser und Erde. Pflanzen und Tiere. Dass der Mensch Teil dieser Schöpfung ist und Verantwortung für sie trägt. Und dass am Ende immer wieder dieser eine Satz steht: Gott sah, dass es gut war. Das kann mir kein Sachbuch beantworten.
Mir kommt der Gedanke, dass ich meiner Tochter zwei Dinge gleichzeitig mitgeben kann: Die Wissenschaft erklärt uns, wie sich unsere Welt entwickelt hat. Und mein Glaube versucht eine Antwort darauf zu geben, welchen Sinn das alles für mich hat. Das eine muss das andere nicht kaputtmachen.
So manches wird im Alltag schwieriger, wenn Kinder größer werden. Am Anfang kann man eine biblische Geschichte einfach erzählen. Irgendwann kommen die Nachfragen. "Ist das wirklich passiert?", "Gab es Adam und Eva wirklich?", "Wie passen die Dinosaurier da rein?". Und dann reicht ein einfaches "Ja" oder "Nein" nicht mehr.
Ein Glaube, der mitwachsen kann
Ich glaube inzwischen, dass das gar nicht schlimm ist. Im Gegenteil. Eventuell beginnt genau dort ein Glaube, der mitwachsen kann. Meine Tochter darf wissen, dass die Erde Milliarden Jahre alt ist. Sie darf Evolution verstehen und wissen wollen, wie Sterne entstehen. Und sie darf gleichzeitig hören, dass ich glaube, dass all das nicht sinnlos ist. Dass ich darin Gott erkenne. Ob ihr diese Erklärung reicht?
Vermutlich nur bis zur nächsten Frage. Aber das ist bei der "Sendung mit der Maus" schließlich auch nicht anders.