Mehrere mit Bögen bewaffnete Soldaten zielen von allen Seiten auf den am Baum festgebundenen Sebastian.
Gedenktag: 20. Januar

Heiliger Sebastian: Durchbohrtes Vorbild der Sportler

Der Märtyrer Sebastian ist unter anderem auch der Patron der Athleten. Katholisch.de beschreibt, wie es dazu kam und wofür Sebastian im Mittelalter bekannt war.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 20.01.2019

Nicht wenige Olympioniken rufen den Heiligen Sebastian um Fürsprache an. Der römische Märtyrer ist nämlich nicht nur der Stadtheilige des Olympia-Gastgebers 2016 Rio de Janeiro, sondern auch der Patron der Sportler. So bekannte die junge US-Turnerin und Katholikin Simone Biles, dass sie vor großen Wettkämpfen in die Kirche gehe und eine Kerze für Sankt Sebastian anzünde. Aber wer ist dieser Heilige und wie kommt er dazu, als Patron der Athleten zu gelten?

Gesichert ist nur, dass Sebastian – wahrscheinlich ein gebürtiger Mailänder – ein römischer Soldat und Märtyrer war, der an einem 20. Januar, wohl des Jahres 288, starb. Es gab einen Sarkophag in den Katakomben an der Via Appia Antica im Süden Roms mit seinem Namen. Bereits zur Zeit des Kirchenvaters Ambrosius (um 339 bis 397) wurde Sebastian verehrt. Ambrosius bezeichnet den Märtyrer als Mailänder, aber laut einer Legende im Umfeld seines Grabes könnte er auch aus dem südfranzösischen Narbonne stammen.

Heimliche Besuche in Gefängnissen

Wohl im 5. Jahrhundert bildete sich rund um das Grabmal und seinen Namen – Sebastian bedeutet "der zum Kaiser Gehörende" – folgende Heiligenlegende: Sebastian war ein Soldat der römischen Elitetruppe der Prätorianer, die dem Kaiser als Leibgarde diente. Während der Regentschaft von Kaiser Diokletian (284 bis 305) wurden viele Christen ermordet; seine Herrschaft gipfelte 303 in der größten Christenverfolgung des Römischen Reiches. Sebastian verheimlichte seinen christlichen Glauben am Hof und nutzte seine hohe Stellung als Hauptmann der Prätorianergarde, um Christen in den Gefängnissen Roms zu besuchen, sie im Glauben zu stärken und für die Bestattung der Märtyrer zu sorgen.

Gedenktag: 20. Januar

Patron zahlreicher Städte, darunter San Sebastian (in Nordspanien und auf der Insel Gomera), Palma de Mallorca, Rio de Janeiro (Brasilien); der Brunnen; der Sterbenden, Bogen- und Armbrust- Schützen, Schützengilden, Soldaten, Kriegsinvaliden, Büchsenmacher, Eisen- und Zinngießer, Steinmetze, Gärtner, Waldarbeiter, Gerber, Töpfer, Bürstenbinder und Leichenträger; gegen Pest und Seuchen, Geschwüre, Infektionen, Wunden, kranke Kinder; seit einigen Jahren auch der Sportler und gegen Aids.

Als Diokletian erfuhr, dass der von ihm geschätzte Soldat ein Christ war und Glaubensgenossen half, verurteilte er ihn zum Tode. Der Kaiser ließ Sebastian an einen Pfahl oder Baum binden und – je nach Legende – von den Prätorianern oder von numidischen Bogenschützen erschießen. Als die fromme Witwe Irene seine vermeintliche Leiche vom Pfahl holen und christlich bestatten wollte, entdeckte sie, dass Sebastian überlebt hatte, und pflegte seine Wunden.

Kaum erholt, trat der tot Geglaubte dem Kaiser entgegen, um ihm die grausame Sinnlosigkeit seines Tuns vorzuhalten und ihn öffentlich wegen seines Vorgehens gegen die Christen anzuklagen. Daraufhin ließ ihn Diokletian vor seinen Augen am Circus Maximus erschlagen und seinen Leichnam in den Abflussgraben Cloaca Maxima werfen. Laut Legende erschien Sebastian der Christin Lucina im Traum und wies ihr den Ort seiner Leiche. Christen bargen seinen Körper und begruben ihn an der Via Appia in den nach ihm benannten Katakomben, über denen bis heute die Pilgerkirche San Sebastiano steht.

Beliebter Pestheiliger mit reinem Körper

Zunächst wurde Sebastian in Ravenna, Spanien und Nordafrika verehrt. Die Verehrung verstärkte sich nach 680, als das Ende einer Pestepidemie in Rom und Pavia dem Umstand zugeschrieben wurde, dass seine Reliquien durch die Straßen der Städte getragen worden waren. So ist Sebastian traditionell einer der Patrone von Soldaten und Bogenschützen und wird gegen Geschwüre, die Pest und andere Seuchen angerufen.

Aber wie kommt er zum Sport? Manche Patronate bildeten sich bei ihm und bei anderen Glaubenszeugen durch das aus, was das Volk auf Heiligenbildern sah oder zu erkennen glaubte. Auf dem wohl ältesten erhaltenen Mosaik aus dem 6. Jahrhundert wird Sebastian noch mit grauen Haaren und Bart als älterer Mann mit dem Siegeskranz des Märtyrers gezeigt. Doch im Laufe der Zeit konzentrierten sich Sebastian-Darstellungen fast ausschließlich nur noch auf die Szene, in der er von Pfeilen am Baum festgenagelt wird.

Diese Entwicklung war Sebastians "Karriere" als Pestheiliger geschuldet. In antiken Vorstellungen traf der "Schwarze Tod" die Menschen so wahllos, wie wenn ein Gott oder der "Pestengel" aus dem Himmel vergiftete Pfeile auf die Erde schoss – und Sebastian war einer, der Pfeile überlebt hatte. Seit der Renaissance wurde der Pestheilige verstärkt mit gesunder, reiner Haut gemalt oder zu einer Plastik geformt, also jünger gemacht und als bartloser, leicht bekleideter und manchmal auch muskulöser Jüngling dargestellt. Der bei den Gläubigen ohnehin beliebte Sebastian war auch ein Lieblingsmotiv von Künstlern, denn lange Zeit waren Jesus und er die einzigen Männer, die man fast unbekleidet darstellen konnte.

Vorbild wegen seiner körperlichen Ausdauer

Hinzu kommt, dass Sebastians Gesicht oft nicht die Schmerzen zeigt, die sein durchbohrter Körper erleiden musste; er wirkt eher unverwundbar. Seine Schönheit und sein Schmerz scheinen voneinander getrennt zu sein. Dies wird mit ein Grund sein, warum er in der Moderne von Sportlern verehrt wird – und auch von Homosexuellen. Schwulen gilt der Märtyrer als Patron gegen Aids. Die US-Sportlerseelsorge "Catholic Athletes for Christ" (CAC) bezeichnet ihn wegen seiner körperlichen Ausdauer und seiner Tatkraft bei der Verbreitung und der Verteidigung des Glaubens als Vorbild.

Laut dem CAC-Vorsitzenden Ray McKenna erinnert Sebastian gläubige Athleten an einen wichtigen Bestandteil von Sport und Christentum: das Leiden. "Sportler können sich auf ihn beziehen und sich sagen: 'Wenn er das aushalten kann, dann kann auch ich noch einen Schritt weiter gehen'", so McKenna. Sebastian habe die Pfeile überstanden, um einem mächtigeren Widersacher entgegenzutreten: dem christenhassenden Kaiser. So wird er auch gegen die Feinde des Christentums angerufen und für die Bekehrung oder zumindest zum Säen von Zweifeln bei Atheisten.

Von Agathe Lukassek

Hinweis: Der Artikel erschien erstmals im Sommer 2016 und wurde am 18. Januar 2019 aktualisiert