"Lesender Mann (Saint Ivo?)" aus der Werkstatt von Rogier van der Weyden, um 1450
Wie ein bretonischer Jurist Patron der Datenschützer wurde

Anwalt der Armen, Patron des Datenschutzes

Der heilige Ivo ist im Himmel zuständig für die Datenschützer. Als er lebte, war Datenschutz noch gar nicht erfunden – ein Vorbild für alle, die heute die Privatsphäre schützen, ist er dennoch.

Von Felix Neumann |  Kermartin - 28.02.2015

Der Gedenktag des heiligen Ivo kommt gerade noch rechtzeitig: Der 19. Mai 1313 ist der Todestag des französischen Juristen. 715 Jahre und 5 Tage bevor das neue Gesetz über den kirchlichen Datenschutz vieles ändert, ist der Patron der Datenschützer gestorben.

Gedenktag: 19. Mai

Der heilige Ivo, auch Yvon, nach seinem Vater auch "Ivo Hélory" und nach seinem Geburtsort "Ivo von Kermatin", wurde um 1250 in der Bretagne geboren und starb am 19. Mai 1313. Er ist der Patron der Bretagne, der Juristen, der juristischen Fakultäten und der armen Leute. Seit seiner Gründung führt ihn das katholische Datenschutzzentrum in Dortmund in seinem Siegel. Ivos Gedenktag ist der 19. Mai.

Dass die Datenschützer einen eigenen Schutzpatron haben, ist eine relativ neue Sache. Traditionell ist der um 1250 in der Bretagne Geborene nämlich vor allem als Patron der Juristen und vieler juristischer Fakultäten bekannt; sein neues Patronat ist fast so informell wie das des heiligen Isidor von Sevilla für das Internet – wenn auch mit Brief und Siegel bestätigt: Wenn nämlich das Katholische Datenschutzzentrum in Dortmund seine offiziellen Dokumente stempelt, verwendet es dazu ein Dienstsiegel, in dem der heilige Ivo abgebildet ist. Seit ihrer Gründung im Jahr 2016 hat die Behörde den französischen Heiligen als Patron; offiziell vom Papst beauftragt ist Ivo aber nicht.

Volkszählung vom Alten Testament bis zum Bundesverfassungsgericht

Datenschutz, wie wir ihn heute kennen, gab es zur Zeit des Bretonen nicht; die ersten Datenschutzgesetze gab es erst in den 1970er Jahren. In Deutschland ist Datenschutz spätestens seit den Protesten gegen die Volkszählung  in den frühen 1980er Jahren und dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts dazu in aller Munde – doch schon im Alten Testament ist Datenschutz bezeugt: Das zweite Buch Samuel berichtet von einer Volkszählung des Königs David. "Dann aber schlug David das Gewissen, nachdem er das Volk gezählt hatte, und er sagte zum HERRN: Ich habe schwer gesündigt, weil ich das getan habe."

Linktipp: Heiliger Isidor, Patron des Internets

Der heilige Isidor von Sevilla (560-636) ist der letzte Kirchenvater des Westens – und eine Ein-Mann-Wikipedia: Er trug das Wissen seiner Zeit zusammen. Deshalb wird er auch als Patron des Internets verehrt. Sein Gedenktag ist der 4. April.

Im Kirchenrecht wurde erst wenige Jahrzehnte vor Ivos Geburt das Seelsorge- und Beichtgeheimnis niedergeschrieben, und immerhin seit 1983 kennt das kirchliche Gesetzbuch eine Datenschutzbestimmung in can. 220: "Niemand darf den guten Ruf, den jemand hat, rechtswidrig schädigen und das persönliche Recht eines jeden auf den Schutz der eigenen Intimsphäre verletzen."

Anwalt der Armen

Bekannt wurde Ivo nicht als Märtyrer für den Datenschutz (wie etwa der heilige Nepomuk, der ermordet wurde, weil er das Beichtgeheimnis nicht brechen wollte), sondern als besonders gerechter Jurist. "Für Witwen, Waisen und andere erbarmenswerte Personen trat er unentgeltlich vor Gericht, machte sich ihre Rechte zu eigen, und bot sich – auch ungefragt – zu deren Verteidigung an", schreibt sein Lehrer Jean Kerhoz, auf den auch Ivos Beiname "Anwalt der Armen und Erbarmenswerten" zurückgeht.

Der heilige Ivo in der Schedelschen Weltchronik

Sant Yvo, ein Doctor: So taucht der heilige Ivo in der "Schedelschen Weltchronik" auf. Das 1493 veröffentlichte Universalgeschichtsbuch beschreibt ihn als "hocherfahrenen Doktor", der auch "außerhalb seiner Schriftweisheit" für "wunderbarliche Gütigkeit" und Gerechtigkeit berühmt war.

Ivo studierte zunächst Rechtswissenschaften in Paris, um dann als Kirchenrichter in der Bretagne zu arbeiten, erst in Rennes und später im Bistum Tréguier. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Pfarrer. Seine außergewöhnliche Bescheidenheit und Gerechtigkeit führten dazu, dass er sich schnell einen Namen machte und schon kurz nach seinem Tod als heilig galt – eine ganz neue Form der Heiligkeit: Kein Märtyrer, kein herausragender Glaubenszeuge und Kirchenlehrer, sondern einfach ein Mann, der sein alltägliches Leben und seinen Beruf vorbildlich christlich lebte.

Bald nach seinem Tod entwickelte sich die Verehrung des frommen Juristen. Dass diese Kombination schon damals nicht selbstverständlich war, zeigt seine Grabinschrift: "Advocatus, sed non latro" – "er war ein Anwalt, aber kein Gauner". Verzweifelte Rechtssuchende pilgerten zu seinem Grab, juristische Fakultäten wählten Ivo zu ihrem Patron. Schon 1390 verzeichnet der Festkalender der Heidelberger Rechtsgelehrten seinen Todestag: "Ivonis. Non legitur in facultate iuris." – "Kein Vorlesungsbetrieb am Tag des Ivos in der Jura-Fakultät." Vor allem in Italien und Spanien gründeten sich Ivo-Bruderschaften, die Rechtsbeistand für Arme anboten.

Das Siegel des Katholischen Datenschutzzentrums in Dortmund mit dem heiligen Ivo

Das Siegel des katholischen Datenschutzzentrums in Dortmund ist, wie das Gesetz es verlangt, im kirchlichen Amtsblatt abgedruckt.

In Paderborn wird Ivo Datenschützer

Seit 2016 hat Ivo dann auch den Datenschutz in seinem himmlischen Portfolio. Die Spur führt nach Paderborn ins Generalvikariat: Christoph Stiegemann ist nicht nur Kunsthistoriker und Direktor des Paderborner Diözesanmuseums, sondern auch selbst Künstler. Er zeichnet häufig Siegel, meist für Pfarreien. Da lag es für den Justiziar und ehemaligen Datenschutzbeauftragten des Erzbistums nahe, sich an Stiegemann zu wenden und das Siegel mit dem heiligen Ivo in Auftrag zu geben. Denn das neue Datenschutzzentrum hat, so erläutert es ein Sprecher der Erzdiözese, auch Teil am kirchlichen Sendungsauftrag. Mit einem Schutzpatron im Siegel werde betont, dass der kirchliche Datenschutz neben der rechtlichen auch eine pastorale Dimension habe, nämlich Pastoral und Seelsorge in einer modernen, zunehmend auch digitalisierten Kommunikationsgesellschaft rechtssicher zu ermöglichen.

Der Künstler Stiegemann war gleich fasziniert von dem Auftrag: "Heilige sind als himmlische Freunde Unterstützer in allen Lebenslagen", erläutert er. "Im Himmel bilden sie das ganze Spektrum des menschlichen Lebens mit ab." Und das bedeutet: Auch das ganze Spektrum des modernen Lebens.

Entwurf des Siegels des Kath. Datenschutzzentrums in Paderborn von Christoph Stiegemann

Das Siegel des Katholischen Datenschutzzentrums in Paderborn wurde vom Direktor des Paderborner Diözesanmuseums Christoph Stiegemann entworfen. Der Künstler entwirft häufiger Siegel, vor allem für Pfarreien. So sah der erste Entwurf aus.

Allzu modern ist der Datenschutz-Ivo aber nicht: Angelehnt an ein Porträt des niederländischen Malers Rogier van der Weyden aus dem 15. Jahrhundert ist ein Mann in Kutte zu sehen, der ein Buch in der Hand hält und seinen Zeigefinger auf die Zeilen legt. "Die Darstellung bewegt sich in der Tradition von Siegelbildern, das soll gar nichts Innovatives sein", erläutert Stiegemann. Ein Siegel müsse man auch noch in Jahrzehnten verstehen können: "Wenn ich gestern eine Diskette in seiner Hand gemalt hätte, wäre das übermorgen gar nicht mehr verständlich." Zudem muss ein Siegel so grob sein, dass die Stempelfarbe nicht verläuft. Platz für feine Details ist da nicht, und daher der Finger im Buch statt moderner Symbole für etwas so Abstraktes wie Datenschutz.

Einen Patron können die Datenschützer wie der Datenschutz gut gebrauchen, gerade heute, wo vieles im Datenschutzrecht im Umbruch ist. Im Metier des heiligen Ivos dürften Stoßgebete gerade Hochkonjunktur haben, und so mancher Datenschutzbeauftragte wird sich in den Worten wiederfinden, mit denen der Trierer Juraprofessor Peter Krause anlässlich des 700. Todestags den heiligen Anwalt gewürdigt hatte: "Der einzelne Jurist mag in seinen Selbstzweifeln beim heiligen Ivo Hilfe finden, das fortbestehende breite Unverständnis und die damit verbundene Unbeliebtheit zu ertragen, er mag sich an seiner Bescheidenheit und Menschlichkeit aufrichten."

Von Felix Neumann

Gebet zum heiligen Ivo

Guter Gott,

auf die Fürsprache des heiligen Ivo, Patron des Datenschutzes,
lass uns schweigen, wo es besser ist, nichts zu sagen,
und lass uns reden in Wahrheit und Güte.
Hilf uns, Gerechtigkeit zu üben,
und darüber die Barmherzigkeit nicht zu vergessen.
Gib uns die Gabe der Anteilnahme an unseren Nächsten
und bewahre uns vor Indiskretion und Neid.
Hilf uns, die Grenzen der anderen zu achten,
und öffne die Grenzen unseres Herzens.

Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

Amen.