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Dokument über den Siegeszug der Franziskaner

Als Bettelbrüder die Welt eroberten

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Eine Nahaufnahme der gefalteten Hände eines Franziskaners.
Bonn - Vor 800 Jahren starb Franz von Assisi, der "Gaukler Gottes". Seine Bewegung erreichte binnen weniger Jahrzehnte die Grenzen der Welt. Eine scheinbar dürre Ortsliste offenbart, wie strategisch es dabei zuging.

Als Franz von Assisi am 3. Oktober 1226 starb – erblindet, abgezehrt, nackt auf der nackten Erde liegend –, schien der Gedanke abenteuerlich, dass die von ihm gegründete Gemeinschaft da schon auf dem Weg war, einer der wirkmächtigsten Orden der Kirchengeschichte zu werden. Bis zum Ende des Jahrzehnts erreichte sie das Baltikum, bis Ende des Jahrhunderts Persien, ja Peking. Die "minderen Brüder", wie sie sich bescheiden nannten, waren ein vielseitiges Werkzeug in der Hand der Heiligen Kirche. Und mit ihrer Ausdehnung wuchs auch das Bewusstsein ihrer Bedeutung.

Zeugnis davon gibt ein mittelalterliches Dokument, das jetzt neu erforscht und herausgegeben wurde. Das "Provinciale ordinis fratrum minorum" ist nur auf den ersten Blick eine bloße Auflistung von Franziskanerkonventen. Das Werk, von Paulinus von Venedig um das Jahr 1334 aus älteren Listen zusammengestellt, sagt auch etwas über die Ordnung der Welt – und über die Rolle, die der aufstrebende Orden darin spielen wollte.

Überliefert ist das Provinciale in vier Manuskripten: zwei aus dem 14. Jahrhundert in Rom und Bamberg, zwei etwas spätere aus Dresden und Prag. Doch obwohl ständig neue Gründungen hinzukamen, blieb der Text praktisch unverändert – nicht eben zweckmäßig, wenn das Verzeichnis tatsächlich der Ordensverwaltung gedient hätte. Stattdessen war es eine Art Gegenstück zur ebenfalls von Paulinus verfassten Universalchronik "Historia Satyrica" und zusammen mit dieser zu lesen, wie der Historiker Michele Spadaccini meint.

Heiliger Franziskus
Statue des heiligen Franz von Assisi in der Kirche Sankt Felizitas in Lüdinghausen.

Gemeinsam mit dem Sprachwissenschaftler Philipp Burdy hat Spadaccini den Katalog der Konvente und Provinzen untersucht. Das Provinciale "nimmt die Leser mit auf eine fiktive Reise durch die Welt des Franziskanerordens", sagt Burdy. Das erklärt, weshalb bei zahlreichen Ortsnamen auch bedeutende Franziskaner oder Ereignisse erwähnt werden. Die Minderbrüder, so Spadaccini, wollten zeigen, "wohin sie gekommen sind und was sie in einem Jahrhundert geleistet haben".

Sie hatten allen Grund, nicht hinterm Berg zu halten. Wenige Jahre zuvor hatte der Dominikaner Bernard Gui für den konkurrierenden Bettel- und Predigerorden eine ähnliche Leistungsbilanz erstellt. In diesen Jahrzehnten begannen auch Nachrichten der legendären Reise Marco Polos in den Fernen Osten zu kursieren. An Europas Höfen wurde erörtert, wer die künftigen Global Player seien. Und was für klangvolle Namen Paulinus aufzählt: Konstantinopel, Trabzon, Tiflis, Täbris. Im Abschnitt "Heiliges Land" finden sich neben Jerusalem fünf weitere Niederlassungen, vier davon auf der strategisch wichtigen Insel Zypern, eine im südtürkischen Kozan. Ein indirekter Hinweis, dass im Gebiet Palästina selbst nicht leicht Fuß zu fassen war.

1.411 Ortsnamen enthält der Katalog. Viele konnten von Spadaccini und Burdy erstmals identifiziert werden. Etwa "Verine", ein Ordensstützpunkt in Ostdeutschland, war nicht etwa Schwerin, wie ein früherer Bearbeiter glaubte, sondern Waren an der Müritz. Die schiere Menge der Konvente zeigt, wie stark die Bewegung des "kleinen Armen" aus Assisi gewachsen war. Mit der Spontaneität der ersten Jahre ließ sich ein Unternehmen dieser Größe nicht mehr führen. Es brauchte Strukturierung und einen Sinn für Zusammengehörigkeit über enorme Entfernungen hinweg. Beides leistete das Provinciale.

Ein Franziskaner
Für ihre Mission besaßen die Franziskaner gute Voraussetzungen.

Waren die Ordensbezirke im Stammland Italien kleinteiliger, so dehnten sich die Verwaltungsgebiete in entlegenen Regionen aus. Von Erfurt aus organisierten die Franziskaner die Provinz Sachsen; sie reichte bis Lettland. Städte waren wichtig. Für Minderbrüder, die von eigener Arbeit, aber auch vom Betteln lebten, war die Stadt ein natürliches Habitat. Hier gab es Aufgaben in Predigt und Seelsorge. Hier saßen auch Träger weltlicher Macht und Universitäten.

Für ihre Mission besaßen die Franziskaner gute Voraussetzungen. Besitz- und anspruchslos, waren sie denkbar mobil und kamen mit einfachsten Umständen zurecht. Dass es den Orden überhaupt gab, verdankte er der bedingungslosen Loyalität seines Gründers gegenüber dem Papst. Im Kampf gegen Armutsbewegungen, die der Autorität der Kirche die Stirn boten, waren Franziskaner durch ihre Volksnähe effektiver als beispielsweise der Zisterzienserorden, wie Spadaccini bemerkt. Ein Jahrhundert nach Franziskus hatten seine Anhänger eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. "Es gab Franziskaner an der Kurie und in der Inquisition, es gab große Gelehrte und Franziskaner, die über Wirtschaftspolitik schrieben", sagt Spadaccini unter Verweis auf Bonaventura (1221–1274) und Petrus Johannis Olivi (1247/48–1296/98).

Und die Unbedarftheit des Anfangs? In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts schaffte es schon längst nicht mehr jeder, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Der Bettelorden konnte es sich leisten, Anwärter zu sieben. Nicht zufällig war Paulinus, der Autor des Provinciale, ein Bischof. Sein Büchlein unterstrich den Anspruch, "dass man in allen Teilen der bekannten Welt präsent ist", sagt Burdy. "Das hätte die Vorstellungskraft von Franziskus überstiegen." Dabei war der Wettlauf um die katholische Eroberung der Erde erst eröffnet.

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