1.600 Kilometer im Auftrag der Lübecker Märtyrer
Am Ende steht Rudi Abold vor der Entscheidung, ob er auf seinen Kopf oder den Bauch hört. Er hat Rom, das Ziel seiner Pilgertour mit dem Fahrrad, fest vor Augen. Von Lübeck bis Florenz haben ihn die Oberschenkel und seine vier "Begleiter", die Lübecker Märtyrer, getragen. 300 von 1900 Kilometern liegen noch vor ihm, als er einen Arzt verständigt. Fieber. Schüttelfrost. Beim Frühstück bekommt er nichts mehr runter. Bis dahin fuhr der 67-Jährige mit dem Rad quer durch Deutschland, passierte die Alpen und den Brenner. Aus der Motivation heraus, die Lübecker Märtyrer nach Rom zu tragen.
Rudi Abold ist ein gebürtiger Augsburger, der das R rollt, von den "Lübbegger Märtyrern" spricht und auf die Frage, ob er mit einem E-Bike fährt, antwortet: "Nein, alles mit Muskelkraft." Er wohnt mit seiner Frau in einem kleinen Häuschen in Lübeck, ist zweifacher Opa und leitet den Förderverein seiner katholischen Heimatgemeinde. Aber vor allem ist er einst: glühender Verehrer der Lübecker Märtyrer.
Die Lübecker Märtyrer, das sind die drei Kapläne Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange sowie der evangelische Pastor Friedrich Karl Stellbrink. Auf unterschiedliche Art und Weise stellten sie sich öffentlich gegen das Nazi-Regime, das sie vor dem Volksgerichtshof verurteilte und anschließend ermordete. Prassek war ein charismatischer Seelsorger, der im Priesterseminar polnisch lernte und sich in Lübeck trotz strengen Verboten um polnische Zwangsarbeiter kümmerte. Müller, der in Lübeck besonders bei den Jugendlichen beliebt war, ließ bei Gesellenabenden kritisch über den Nationalsozialismus diskutieren und unterstütze regimekritische Schriften. Lange, als anspruchsvoller Prediger bekannt, stellte öffentlich die Teilnahme am Krieg als mit dem christlichen Glauben unvereinbar dar. Pastor Stellbrink, der zunächst glühender Anhänger des Nationalsozialismus war, ließ sich durch Kaplan Prassek bekehren und verbreitete gemeinsam mit den katholischen Geistlichen regimekritische Predigten von Clemens August Graf von Galen, dem damaligen Bischof von Münster.
An einem Sommertag im Juni 2011 lässt er sich von den Lübecker Märtyrern "infizieren", wie Abold es beschreibt. Es ist der Tag, an dem die drei katholischen Kapläne seliggesprochen werden und der evangelische Pastor Stellbrink ein ehrendes Gedenken erhält. Rudi Abold ist bei der Feier vor der Herz-Jesu-Kirche dabei. Er begeistert sich für die vier Männer und ihren Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Deutschland. Nach der Seligsprechung wird eine Gedenkstätte für die Märtyrer eröffnet – seit fünf Jahren engagiert sich Rudi Abold dort. Er leistet Präsenzdienst, führt Besuchergruppen und hält Vorträge. Wenn man ihn fragt, warum die Märtyrer ihm so viel bedeuten, erzählt Abold die Widerstandsgeschichte der Geistlichen nach, und sagt: "Ich arbeite daran, die vier besser bekannt zu machen, um einen Beitrag auf dem Weg zur Heiligsprechung zu leisten."
Die Menschen für die Lübecker Märtyrer begeistern
Die Pilgertour nach Rom ist nun ein neuer Aspekt, wie er Menschen für die Märtyrer begeistern möchte. Schon einer der Kapläne sei mit dem Fahrrad quer durch Deutschland gefahren, erzählt Abold. Davon inspiriert, habe er gedacht, es wäre doch mal schön, die vier gemeinsam nach Rom zu tragen. Rom auch deshalb, weil Papst Franziskus während seiner kurzen Studienzeit in Deutschland von den Lübecker Märtyrern erfahren habe. Abold kommentiert: "Das möchte ich vertiefen."
Am fünften Tag seiner geplanten Pilgerfahrt über 25 Stationen und 1900 Kilometer ist Abold in Göttingen angekommen und wartete darauf, dass eine Mitarbeiterin der Pfarrei St. Godehard ihm den Schlüssel für seine Unterkunft aushändigt. Der 67-Jährige hat seine Route vorab per Fahrrad-App geplant und die katholischen Gemeinden und Einrichtungen an den Orten seiner Etappen kontaktiert. Um dort unterzukommen, Kontakte zu knüpfen und über die Lübecker Märtyrer zu sprechen.
Bis Augsburg begleitet Abolds Frau Inge ihn mit dem Fahrrad, danach steigt sie aus, um wieder arbeiten zu gehen. Die gemeinsame Pilgerfahrt sei bis dahin hervorragend verlaufen. "Wir sind inzwischen über 40 Jahre verheiratet, und freuen uns, jetzt mal tatsächlich nur für uns sein zu können." Der Pensionär war früher Berufssoldat bei der Marine. Seine Frau leitete eine Hunde-Pension und trägt heutzutage Zeitung aus. Sie gehen regelmäßig in die Kirche und engagieren sich in Arbeitskreisen der Heimatgemeinde.
An diesem Abend spricht Rudi Abold darüber, dass aufgeben für ihn keine Option sei, da sein Wille und das Vertrauen auf seine "Begleiter", die Lübecker Märtyrer, groß seien. Dass er mit Pater Hagenkord in Verbindung stehe, um ein Programm für Rom auszuarbeiten. Dass er mit dem Zug von Rom nach München und von München nach Lübeck zurückfahre.
Doch so weit wird es nicht kommen. 18 Tage und über 1200 Kilometer sitzt Abold in Florenz im Hotelzimmer und wartet auf einen Arzt, statt weiter nach Siena zu radeln. Draußen heizt die Sonne die Stadt auf 35 Grad auf. Drinnen im Hotelzimmer sitzt er mit Schüttelfrost. Der Bauch sagt: Fahr weiter! Der Kopf: Hör auf! Der Kopf gewinnt. Zeit für ein Resümee. Rudi Abold erzählt, wie traumhaft der Blick war, als er nach Innsbruck reinfuhr. Wie er oben auf dem Brenner, auf der italienischen Seite, sich eine Portion Spaghetti gönnte. Wie er die flache, von Gräben und Deichen durchzogene, Po-Ebene durchquerte.
Die Faszination für Landschaft und Natur in seiner Stimme ist kaum zu überhören – genauso aber die Enttäuschung darüber, nun zum Aufgeben gezwungen zu sein. Also wird das Gespräch in Richtung der positiven Erlebnisse seiner Reise eingelenkt. Wie waren die Etappen ohne seine Frau? "Nicht einsamer", sagt Abold. Er habe Zeit gehabt, die Gedanken schweifen zu lassen, sich ganz neu mit den Lübecker Märtyrern auseinanderzusetzen. "Ein sehr spirituelles Erlebnis", sagt der Pensionär.
Viele neue Kontakte geknüpft
Wie konnte er sein Anliegen, die Lübecker Märtyrer bekannter zu machen, weitertragen? Abold berichtet, dass er in mehreren deutschsprachigen Gemeinden, zum Beispiel im Jesuitenkolleg in Innsbruck, Vorträge hielt. Er habe erzählt, dass die drei jungen Kapläne in Münster studiert und sich vom Widerstand des damaligen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, haben inspirieren lassen. Dass dies die Motivation gewesen sei, den Widerstand in Lübeck weiterzutragen. Dass die vier Märtyrer keinen Kontakt zu anderen Widerstandsgruppen wie der Weißen Rose gehabt hätten. "Ich wurde überall sehr herzlich aufgenommen", resümiert Abold, gibt aber auch zu, dass die Italiener nur wenig Interesse an den Märtyrern gezeigt hätten.
Nach der ärztlichen Untersuchung reist der 67-Jährige zurück von Florenz nach Lübeck. 300 Kilometer vor Rom, dem Ziel seiner Pilgerfahrt. Er kehrt mit vielen neuen Kontakten zurück – und kann alte wieder aufleben lassen. Denn nachdem er sich in das Gästebuch seiner Heimatgemeinde in Augsburg eingetragen hatte, meldete sich seine ehemalige Pfadfindergruppe bei ihm. Sie haben ihm Bilder geschickt, ihn wissen lassen, dass sie sich immer noch treffen und sich freuen, von ihrem alten Freund zu hören. "Sie haben mich eingeladen, nach Augsburg zu kommen", sagt Rudi Abold. Und: "Nach über 40 Jahren hätten wir uns sicher einiges zu erzählen." Anfangen könnten sie dabei mit Abolds Engagement für die Lübecker Märtyrer und seine Pilgerfahrt fast bis nach Rom.