60 Jahre Nachrichten
Sie beliefert etwa 65 Prozent der deutschen Tageszeitungsauflage, alle öffentlich-rechtlichen Sender sowie die meisten katholischen Zeitungen und Internetportale. Der KNA-Chefredakteur, Ludwig Ring-Eifel spricht im Interview über bewegende 60 Jahre und die Zukunft der profilierten Agentur.
Frage: Herr Ring-Eifel, die KNA feiert heute ihren 60. Geburtstag. Wie kam es 1952 zur Gründung der Agentur? Und was war ihr Auftrag?
Antwort: In der Nachkriegszeit gab es zunächst noch einen Christlichen Nachrichtendienst (CND) in München, der ökumenisch geprägt war. 1952 kamen etliche Kirchenzeitungsverleger zusammen mit katholischen Tageszeitungsverlegern und einigen Bischöfen zu der Überzeugung, dass es eine gemeinsame Agentur für die katholisch geprägten Medien in Deutschland geben müsse. Das katholische "Lagerdenken" war damals ausgeprägter, und die katholischen Medien hatten eine starke Position in der Medienwelt. Sie wollten sich nicht vom Evangelischen Pressedienst "epd" oder von der Hamburger "dpa", die den Ruf hatte, eher kirchenkritisch zu sein, beliefert werden. Sie wünschten sich eine Agentur, die ihnen Nachrichten aus einem katholischen Blickwinkel liefern. Aus diesen Überlegungen heraus entstand die Katholische Nachrichten-Agentur. Das war anfangs sehr umstritten, auch deshalb, weil es Geld kostete, so etwas ans Laufen zu bringen. Am Ende war es ein Zuschuss aus dem Vatikan von einigen zehntausend D-Mark, der die zögernden Verleger und Bischöfe auf Trab brachte.
Frage: Warum braucht es im Jahr 2012 und in einem weithin säkularisierten Land noch eine dezidiert "katholische" Nachrichtenagentur?
Antwort: Diese Frage hat man sich bereits in den 1980er Jahren gestellt. Damals gab es im Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) die Überlegung, ob man nicht die KNA im pluralistisch gewordenen Deutschland vielleicht als Fachabteilung in die dpa integrieren könne. Der Gedanke verschwand aber schon bald wieder aus der Debatte. Ein Faktor war die deutsche Wiedervereinigung, mit der sich das konfessionelle Zahlenverhältnis drastisch änderte. Plötzlich war die katholische Kirche in Deutschland in einer Minderheitensituation. Sie verlor seitdem langsam aber stetig an Einfluss in der Politik. Ein Indiz dafür ist, dass wir heute einen evangelischen Bundespräsidenten, eine evangelische Bundeskanzlerin und nur noch vergleichsweise wenige dezidiert katholische Politiker in bundespolitischen Spitzenpositionen haben. Daran wird deutlich, wie prekär die Stellung der katholischen Kirche in Deutschland im politisch-gesellschaftlichen Raum heute ist. Ein weiterer Faktor war die erneute Profilierung des epd als evangelisches Medium in den 1990er Jahren und die Schärfung des Profils der evangelischen Kirche insgesamt. Als Reaktion darauf hat man wieder stärker die Notwendigkeit einer katholischen Nachrichtenagentur gesehen. Und die KNA benennt in den politischen und ethischen Debatten seither auch wieder klarer die katholischen Positionen.
Eines ist klar, wir wollen nichts unter den Teppich kehren oder der Kirche durch tendenziöse Berichterstattung Schützenhilfe geben, denn das würde am Ende mehr schaden als nützen.
Ludwig Ring-Eifel
Frage: Für den Ruf und das Geschäftsmodell einer Agentur ist es am wichtigsten, dass sie als neutraler und verlässlicher Nachrichtenlieferant wahrgenommen wird. Wie neutral kann eine katholische Nachrichtenagentur gerade bei kontroversen Kirchenthemen sein?
Antwort: An kontroverse Themen gehen wir mit dem gleichen Fingerspitzengefühl heran wie andere Nachrichtenagenturen auch. Es gibt im Journalismus immer wieder Informationen, bei denen man abwägen muss, ob und wie man sie veröffentlichen sollte. Auch wir stellen uns bei heiklen Themen die Frage, ob wir mit unserer Berichterstattung jemandem Schaden zufügen würden – sei es in der Kirche oder auch bei anderen Religionsgemeinschaften. Eines ist klar, wir wollen nichts unter den Teppich kehren oder der Kirche durch tendenziöse Berichterstattung Schützenhilfe geben, denn das würde am Ende mehr schaden als nützen. Aber wir wollen die Themen umfassend beleuchten, weil wir glauben, dass die ganze Wahrheit meistens eher auf Seiten der Kirche ist. Wir werden in der Regel weniger boulevardesk und schlagzeilenorientiert und eher differenziert darüber berichten, als es vielleicht andere Medien tun, denen es oft nur darum geht, zu sagen, dass wieder mal ein Bischof oder der Vatikan "unter Druck" gerät. Neutralität ist dabei nicht unser Gebot, uns geht es um Objektivität. Neutral sein bedeutet, keine Meinung zu haben. Da wir katholisch sind, geht das nicht. Wir haben bei unseren Nachrichten den Anspruch, dass wir von einem katholischen Standpunkt aus objektiv berichten. Man kann ein Thema unterschiedlich beleuchten und verschiedene Akzente setzen und dabei trotzdem objektiv sein, etwa wenn es um Fehler der Kirchenhierarchie beim Umgang mit dem Thema Missbrauch geht.
Frage: In den vergangenen Jahren waren die Medien einem fundamentalen Wandel unterworfen. Außerdem hat es eine starke Veränderung der Mediennutzung gegeben. Dies hat das bisherige Kerngeschäft der Agenturen stark getroffen. Wie geht die KNA mit diesem Wandel um?
Antwort: Unser Kerngeschäft wird vom Medienwandel nicht in Frage gestellt. Unser Daseinszweck war und bleibt es, verifizierte Informationen zu beschaffen und sie so aufzuarbeiten, dass sie von verschiedenen Medien schnell genutzt werden können. An unserer Rolle als Nachrichtenproduzent und "Nachrichtengroßhändler" hat sich grundsätzlich nichts geändert. Die Vermarktung ist komplexer geworden, es wird immer schwerer, finanzielle Gewinne durch Nachrichtenverkauf zu erzielen. Denn heute sind Nachrichten frei austauschbar, sie werden kostenlos kopiert und weitergegeben. Die Verwertungskette hat sich geändert. Aber die Rolle der Agenturen als verlässliche Quellen und Führer durch den wuchernden Informationsdschungel ist geblieben, und sie wird nach meiner Einschätzung sogar immer wichtiger. Und das gilt für das unübersichtliche Biotop kirchlicher Nachrichten, Gerüchte und Halbwahrheiten in ganz besonderer Weise, weil es immer weniger Journalisten und Leser gibt, die sich auf diesem von Mythen und Vorurteilen überwucherten Gebiet auskennen.
Von 1986 bis 1989 war Ludwig Ring-Eifel Redakteur bei der FAZ in Frankfurt, dann bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn.1996 bis 2005 war er Vatikan-Korrespondent der KNA in Rom. Seit Juli 2005 ist er Chefredakteur der KNA.
Frage: Nun bieten Agenturen nicht mehr ein Thema in Textform an, sondern bereiten es multimedial auf. Ist das ein wichtiger Baustein der KNA für die Zukunft?
Antwort: Solche crossmedialen Pakete bieten wir bereits unseren Kunden an. Was der Kunde damit macht, ist oft sehr interessant. Manche multimedia-Pakete werden vom Kunden, also von den Redakteuren bei Zeitungen und Portalen, gleich wieder aufgeschnürt, und die mixen zum Beispiel den Text der KNA mit einem Bild von AFP oder ähnliches. Der Kunde lässt sich ungern etwas von der Agentur vorschreiben. Trotzdem müssen wir immer mehr crossmedial denken, Und wir müssen verstärkt die verschlungenen Wege der social media in den Blick nehmen - als Quelle, aber auch als Verbreitungskanal. Viele Agenturen scannen die Twitter- und Facebook-Seiten von Politikern, Bloggern oder Bischöfen auf potenzielle Nachrichten. Das müssen wir intensivieren. Anders herum müssen wir Agenturen die sozialen Netzwerke als Verbreitungsplattformen nutzen. Da haben wir noch einiges vor uns.
Frage: Sie waren lange Zeit Korrespondent für die KNA in Rom bevor Sie 2005 Chefredakteur wurden. Was war in dieser Zeit das bewegendste Thema?
Antwort: Es gab ein Erlebnis unmittelbar vor meinem Wechsel von Rom, wo ich damals Korrespondent der KNA war, nach Bonn auf die Stelle des Chefredakteurs. Damals war gerade der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt worden, und ein Mitarbeiter des neuen Papstes rief bei der KNA an. Er fragte, ob wir dafür sorgen könnten, dass die KNA-Dienste für den früheren Kardinal Ratzinger ab sofort an seine neue Adresse im Vatikan geschickt werden. Das war umso schöner, weil ich wusste, dass er sich als Kardinal auch manchmal über KNA-Meldungen geärgert hatte. In meiner Zeit als Chefredakteur hat mich am tiefsten der Missbrauchsskandal in Deutschland bewegt und wie die Kirche damit umgegangen ist. Wenn man die Kirche liebt und weiß, wie viel Gutes Priester und Ordensleute tun, kann einen das nicht kalt lassen, wenn man sieht, wie massiv da Vertrauen zerbrochen wird durch das Verhalten einiger weniger. Ich habe gesehen, wie der Skandal anrollte, wie er monströse Ausmaße annahm und die Bischöfe hilflos waren. Und das obwohl die deutschen Bischöfe einige Jahre zuvor am Beispiel USA gesehen hatten, wie die mediale Berichterstattung in solchen Fällen funktioniert. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass es später in Deutschland eine ähnliche Lawine von Berichten geben würde. Das zu beobachten, war beinahe ebenso aufwühlend wie die Skandale, die ans Licht kamen. Als KNA haben wir überlegt, wie wir das Bild versachlichen können. Dazu haben wir unter anderem Interviews mit Kriminologen und Therapeuten zum Thema geführt, um das Thema Missbrauch aus der Engführung auf Priester als Täter heraus in eine breitere gesellschaftliche Sicht zu führen. Aber im medialen Tsunami gingen solche Aspekte lange Zeit unter.
Frage: Was wünschen Sie sich zum 60. Geburtstag der KNA?
Antwort: Ich wünsche mir von den Kunden der KNA, dass sie mit unserer Arbeit zufrieden sind und uns sagen, in welchen Bereichen wir besser werden können. Von den Gesellschaftern der KNA wünsche ich mir, dass sie uns mehr Vertrauen schenken und akzeptieren, dass es guten katholischen Journalismus nur mit einer gesunden Balance von Kritik und Loyalität geben kann. Und von den Mitarbeitern wünsche ich mir, dass sie weiterhin Spaß daran haben, für dieses europaweit einmalige Unternehmen zu arbeiten.
Das Interview führte Saskia Gamradt