"Ade, du Traum von der stillen Zeit"
Adventliche Stille, leiser leben, tief drinnen spüren, was das Herz wirklich will - nein, auch in diesem Jahr ist das alles ein Tick zu schwierig. Ade, du Traum von der stillen Zeit.
Ich möchte Sie einladen, die alljährliche Adventssehnsucht nach Stille in jenen Bildern anzuschauen, die uns für die vier Wochen vor Weihnachten vor Augen gestellt werden. Da tauchen die Bilder der Werbung auf: rot, grün und golden. Anheimelnde Kaminfeuer, Freunde zum Essen, liebevoll dekorierte Fensterbretter und kleine Bäckerinnen und Bäcker, die vor Freude strahlen, weil sie Mami beim Plätzchen backen helfen dürfen.
An der Wirklichkeit vorbei
Daneben gibt es die inneren Bilder: schneeverhangene Bäume, ein zugefrorener See, Felder, die versunken auf das Frühjahr warten, ein verträumter Waldweg, der sich in der Ferne vor einem sanften Winterhorizont verliert.
Kitsch, werden Sie sagen und das ist es auch, weil das, was sich hier so nahtlos in die gängigen Vorstellungen eines entspannten Adventes einfügt, für die meisten von uns meistens haarscharf an der Wirklichkeit vorbei geht.
In den Gottesdiensten der katholischen Gemeinden wird in diesem Jahr am 2. Adventssonntag das Evangelium von Johannes, dem Täufer, gelesen, einem eigenartigen, ungewöhnlichen Mann. Der als Prophet in der Unzugänglichkeit der Wüste lebt, der die Menschen tauft, aber alles, was er tut, im Letzten für nicht so wichtig hält. Wichtig ist ihm allein, ein Hinweisender zu sein, ein Un-Eigentlicher, ein Bote, der auf den Eigentlichen, den einzig Ersehnten hinweist und der ihn ankündigt.
Ein leidenschaftlich Wartender
Johannes versteht sich als ein ungeduldiger Späher, als ein leidenschaftlich Wartender, der die Hände nicht in den Schoß legen kann, sondern tun muss, was zu tun ist. Klar, präzise, uneitel, manchmal sogar schroff, denn er hat keine Zeit zu verlieren. Stündlich kann der kommen, auf den er wartet, der, der alles wenden und neu und gut machen wird.
Von adventlicher Stille kann in der Erzählung von Johannes, dem Täufer, keine Rede sein. Viel Volk ist da, Menschen, die alles möglich wollen, die in Scharen anreisen, um ihn zu sehen, um zu hören, um sich von ihm vorbereiten zu lassen auf das große Ereignis der Ankunft des Messias.
Und genau darum geht es in unserem Advent auch: um die Ankunft des Messias. Damals ersehnten Menschen den Messias. Aber wir heute? Wollen wir eigentlich, dass er kommt? Heute? Unter allen Umständen, mitten in unserer Hast und Hetze, in unserem Ungenügen, in unseren schiefen Planungen und trotz der unsicheren Aussicht auf ein endlich einmal stilles Weihnachten?
Unter allen Umständen
Warum sollten wir den Messias eigentlich nicht in unseren so banalen und unzureichenden Gegebenheiten erwarten? Was sollte falsch sein, wenn das Leben anders spielt, als wir es uns erträumen? Der Messias kommt unter allen Umständen. Also lassen wir zu, wenn etwas nicht so funktioniert, wie wir es möchten. Nur eines ist wichtig, unersetzlich, kostbar und unverzichtbar wie nichts anders: Dass wir mit ganzer Seele warten. Dass wir uns finden lassen und uns umdrehen, wenn der Messias ruft: im Hasten auf der Straße, im Gewühl an der Kaufhauskasse, bei einem sonntäglichen Spaziergang im Schnee. Natürlich auch beim obligatorischen Plätzchen backen und in der schüchternen Stille einer Kirche.
Der verschneite Winterwald ist keine zwingende Dekoration für die Geburt Jesu und ein rot-grün-golden heraus geputztes Wohnzimmer keine notwendige Vorbereitung für Menschen, wenn sie weihnachtlich zusammen kommen wollen.
Adventszeit ist Herzenszeit. Zeit des Wartens auf den Messias, der unter allen Umständen kommen will. Und kommen kann. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag - unter allen Umständen.
Von Schwester Aurelia Spendel OP