Akten statt Andacht
Wo einst Andacht herrschte, sind nun die Akten eingezogen: Das neue Archiv des Bistums Augsburg hat seinen Platz im Hauptschiff der ehemaligen Stadtpfarrkirche Sankt Joseph im Augsburger Stadtteil Oberhausen gefunden. Bischof Konrad Zdarsa segnete die Räumlichkeiten und den benachbarten, neu gebauten Verwaltungs- und Nutzertrakt am Dienstag. Die Kosten des ungewöhnlichen Projekts, das in nur zwei Jahren verwirklicht wurde, blieben mit 14,5 Millionen Euro genau im Rahmen.
Die Josephskirche, 1928 aus roten Ziegelsteinen gebaut, wurde im Zweiten Weltkrieg mit Ausnahme der Türme zerstört und anschließend neu errichtet. Doch mit der Zeit erwies sie sich als zu groß: Die Zahl der Gemeindemitglieder sank in den vergangenen Jahrzehnten von 10.000 auf zuletzt 2.200. Deshalb entschied sich die Gemeinde zu einem radikalen Schnitt: Sie trennte 2012 den Chorbereich zu einem eigenständig nutzbaren Sakralraum ab, das Hauptschiff wurde aufgegeben. Leer sollte es aber auf Dauer nicht stehen, geschweige denn einer nichtkirchlichen Funktion zugeführt werden. So entstand die Idee, hier das neue Bistumsarchiv einzurichten. Die Kirche wurde komplett entkernt, bis auf zwei Seitenaltäre und eine Kanzel, die unter Denkmalschutz stehen. Auf Betonpfeilern wurde eine fünfstöckige Stahlkonstruktion eingebaut, die Platz für 21 Regalkilometer bietet, doppelt so viel wie im bisherigen Archiv. 837 Stahlteile wurden verbaut, mehr als 5.000 Schrauben festgezogen.
Zu den Innenwänden des Kirchenschiffs hat die spektakuläre Konstruktion keinerlei Verbindung - auch das eine Auflage des Denkmalschutzes. "Es muss reversibel sein", sagt Archivleiter Erwin Naimer. Im Zweifel müsste man die Kirche wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen können. Das benachbarte Pfarrhaus hingegen wurde abgerissen, an seiner Stelle entstand ein modernes Verwaltungs- und Nutzerzentrum. 30 Arbeitsplätze für Besucher stehen dort ebenso zur Verfügung wie Büros für Naimer und seine zehn Mitarbeiter. Schriftgut für die Nachwelt zu erhalten, ist die Pflicht jeder katholischen Diözese. Das Kirchenrecht schreibt vor, alle Dokumente, die sich auf Bistum und Pfarreien beziehen, "mit größter Sorgfalt" zu bewahren. Im Amtsblatt der Diözese heißt es genauer: "Das Archivgut ist bei circa 18 Grad Celsius und 45 Prozent Luftfeuchtigkeit ohne direkte Sonneneinstrahlung, sicher vor Einbruch, Diebstahl, Feuer und Ungeziefer in einem abschließbaren Raum zu lagern." Bedingungen, die in der früheren Josephskirche auf jeden Fall erfüllt werden können.
Prominenter Gast aus England
Wer nutzt ein Bistumsarchiv? Hier finden sich alles amtliche Schrift- und Dokumentationsgut von Bistumseinrichtungen und Pfarreien. Es steht für amtliche, wissenschaftliche, heimatkundliche und vor allem familiengeschichtliche Forschungen zur Verfügung. Wer die Spur seiner Ahnen verfolgt, wird in kirchlichen Archiven oft schneller fündig als in staatlichen. Standesamtliche Trauungen gibt es in Deutschland zum Beispiel erst seit dem 19. Jahrhundert - das kirchliche Gedächtnis reicht viel länger zurück. So hat auch Boris Johnson (52), britischer Außenminister, vor einigen Jahren vor Ort Familienforschung betrieben. Er suchte offenbar nach Unterlagen zur heimlichen Hochzeit seiner Urururgroßeltern, erklärte Naimer. Das Paar, das ein bis dato uneheliches Kind erwartete, war im Jahr 1836 in der Augsburger Moritzkirche getraut worden. Augsburgs Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD) sagte, Johnsons Forschungsaufenthalt verdeutliche den völkerverbindenden Charakter des kirchlichen Archivs.
Die Diözese Augsburg ist eine der ältesten in Deutschland, ein Archiv wird erstmals im Jahr 1026 schriftlich erwähnt. Nach vielen Wandlungen wurde das "Gedächtnis" des Bistums im 20. Jahrhundert in einem kirchlichen Verwaltungsgebäude am Hafnerberg in der Augsburger Innenstadt untergebracht. Es galt aber stets als Provisorium. Die Räumlichkeiten waren schon länger überfüllt und entsprachen nicht mehr den fachlichen Anforderungen. So waren Naimer und seine Kollegen froh, als die Diözese 2014 den neuen Standort beschloss.