Am Ende eines Sonderwegs
Sie haben es getan! Mit ihrem Wort zur erneuerten Ehe- und Familienpastoral haben die katholischen Bischöfe in Deutschland eine Tür geöffnet. Nun können Geschiedene, die abermals zivil geheiratet haben, nach Beratung und Gewissensprüfung wieder zu den Sakramenten gehen. Letztlich entscheidet ihr Gewissen. Wörtlich schreiben die Bischöfe: "Eine Entscheidung für den Sakramentenempfang gilt es zu respektieren." Sie sehen sich damit auf der Linie von Papst Franziskus, der in "Amoris laetitia" den Türspalt öffnete, den sie nun ein paar Zentimeter weiter aufstoßen.
Optimistisch gesprochen schaffen sie damit einen Durchbruch am Ende einer Sackgasse. Dorthin hatte ein katholischer Sonderweg geführt, der sich auf Jesus-Worte, auf Synoden im frühen 4. Jahrhundert und auf das Trienter Konzil berief. Die katholische Ehe war - von wenigen Sonderfällen abgesehen - rechtlich und faktisch unauflöslich. Und das hatte unheilvolle Auswirkungen für alle, die dem Anspruch nicht genügten. Die extremste Form hatte das im Kirchenrecht von 1917 gefunden. Es sah für wiederverheiratet Geschiedene die Höchststrafe der Exkommunikation vor.
100 Jahre später hat sich die katholische Kirche schrittweise dem angenähert, was Orthodoxe seit dem 10. und Protestanten seit dem 16. Jahrhundert praktizieren. Eine zweite (oder auch dritte) Eheschließung soll nicht mehr zum Ausschluss von der Mahlgemeinschaft führen. Ob das ein Fortschritt für die Seelsorge ist, wird man in weiteren 100 Jahren besser beurteilen können. Ich persönlich habe meine Zweifel. Ist es klug, den radikalsten, auf Gott gegründeten Verbindlichkeitsanspruch zwischen zwei Menschen zu relativieren? Und das in einer Zeit, in der ohnehin viele Gewissheiten wanken?
Sicher ist: Wir sind nicht am Ende des Weges. Die Frage, welche kirchliche Qualität eine zweite Ehe hat, haben die Erneuerer bisher nicht beantwortet. Nach der geöffneten Tür kommt plötzlich eine unübersichtliche Weggabelung. Der eine Gang führt in die protestantische Richtung einer Aufgabe der sakramentalen Ehe. Der andere geht weiter in Richtung der Ostkirchen, mit ihrer kirchlichen Segnung von Zweit- oder Drittehen. Und der Weg zurück ist auch noch immer offen.
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