Bei schlechtem Wetter zur Urlauberseelsorge an der Nordsee
Seelsorge im Urlaub? Klar, ich besuche auf Reisen gerne Gotteshäuser, zünde eine Kerze an, bete – ab und an ist auch ein Gottesdienst drin. Aber es kam mir noch nie in den Sinn, seelsorgliche Angebote gezielt für Touristen zu nutzen. Also versuche ich es einmal doch: bei der Urlauberseelsorge in Cuxhaven. In der Stadt, die als "Tor zur Nordsee" gilt, liegt die Urlauberkirche Herz Jesu. Direkt am Deich gelegen, sind es nur wenige Minuten zu Fuß zum Wasser.
An diesem Donnerstag hat es den ganzen Morgen geregnet. Das besorgt mich ein wenig, denn ich möchte Anna Maria Höchtl treffen. Jeden Donnerstag in der Saison bietet sie um 11 Uhr die Strandkorb-Andacht an, draußen direkt an der See. "Zeit für mich – Zeit für Gott am Meer" lautet das Motto. Als ich die 79-Jährige etwas früher in Herz Jesu antreffe, hat es aufgehört zu regnen. Ein Glück. Bei Regen findet das Angebot in der Kirche statt, doch mit Blick auf das Wattenmeer hat es deutlich mehr Charme.
Anna Maria – bei der Urlauberseelsorge duzt man sich, erklärt sie – ist gebürtige Cuxhaverin. Der Liebe wegen wohnte sie aber 30 Jahre in Bayern. Nac h dem Tod ihres Mannes kehrte sie zurück an die Nordsee und wurde Gemeindereferentin. 2011 ging sie in Rente, "aber ich wollte weiter Beschäftigung haben": So ist sie ehrenamtlich in Herz Jesu tätig, als Küsterin und Seelsorgerin. Jeden Tag um 10 schließt sie das Gotteshaus auf, am Abend zu – manchmal erst um 22 Uhr. Vor dem Altarraum zündet Anna Maria eine Opferkerze an. Alles bereit für mögliche Besucher, die sich auch in ein Gästebuch eintragen können.
Es wird nun aber Zeit, dass wir zum Strandkorb gehen. Anna Maria schnappt sich ihren Jutebeutel mit Materialien und wir gehen über den Deich. Es ist ein herrlicher Anblick hier, wo die Elbe in die Nordsee mündet. Dutzende Strandkörbe, ein, zwei Cafés, Möwengeschnatter und die See! Fürs Baden ist es zu kalt und zu windig. Einige Menschen schnappen aber frische Seeluft, Kinder gehen mit Eimern und Förmchen in den Sand. Anna Maria visiert einen roten Strandkorb an. Sie schließt ihn auf und wir stellen mehrere Klappstühle zu einem Kreis auf. Auf jeden Stuhl legt sie ein Gesangsheft. Und dann warten wir – bis Annegret kommt, auch eine Cuxhavenerin, die die Urlauberseelsorge öfter besucht. Katholisch ist sie nicht, erzählt sie. Aber das sei sowieso egal. Das Angebot sei ökumenisch und richte sich an alle, betont Anna Maria mehrfach. Ich gehe noch einmal rüber zur Kirche, um zu schauen, ob jemand womöglich wegen des bewölkten Himmels doch dort wartet, aber Anna Maria, Annegret und ich bleiben zu dritt.
Macht nichts, wir beginnen. "Wo zwei oder drei" – Sie wissen schon. Anna Maria gibt uns einen Flyer mit einer Andacht. Wir lesen die Texte reihum vor und singen zwischendurch aus dem Gesangsbuch das "Magnificat". Zu dritt ein wenig dezenter, aber wir singen! Immer wieder halten wir kurz inne und sprechen darüber, was uns passend zum Thema einfällt oder bewegt. Beim Thema Neuaufbruch lege ich den anderen offen, dass ich frisch 30 geworden und gespannt bin, was mich alles mit einer "Drei vorne" erwartet. Die anderen freuen sich, setzen ein breites Lachen auf und gratulieren mir. Dass ich in einer "fremdem" Runde etwas von mir erzähle, hätte ich nicht gedacht. Das muss die Seeluft sein – oder ich fühle mich einfach wohl.
Nachklang bei Matjes und Schorle
Wir beenden die Andacht mit dem Kreuzzeichen und unterhalten uns. Wie viele Menschen kommen, sei immer unterschiedlich. Natürlich seien es auch mal weitaus mehr, beispielsweise 20 Besucher, alle unterschiedlich, erzählt Anna Maria: "einmal natürlich, weil sie das morgens in der Zeitung gelesen haben und zum anderen, wenn man hier vorbeikommt und sieht, dass etwas los ist. Die Menschen sind dann erfreut, dass mal etwas Christliches stattfindet". Einst gab es sogar Besuch vom Bischof: Cuxhaven gehört zum Bistum Hildesheim und so ließ auch Heiner Wilmer sich den Ausblick bei einer Andacht nicht nehmen – eine Überraschung sowohl für die Urlauber als auch für Anna Maria Höchtl.
Als wir alles eingeräumt haben, geht es für uns noch in eins der Cafés. Wir gönnen uns eine Schorle, Anna Maria ein Matjesbrötchen. "Ich hatte noch kein Frühstück heute", sagt sie. Wir reden über Cuxhaven, die Gebäude, die wir von hier aus sehen. Auch den Kirchturm von Herz Jesu sehen wir von hier. Als meine Schorle leer ist, verabschiede ich mich und gehe zur Kirche. Am Schaukasten sehe ich weitere Angebote wie wöchentliche Konzerte in der Kirche; davon hat mir auch Anna Maria erzählt. Früher gab es sogar Pilgern auf dem Watt samt Bibel im Gepäck. Ich sehe die Gebete, die Menschen in das Buch eingetragen haben, etwa aus Bad Hersfeld in Hessen oder Mülheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen: die Urlaubsseelsorge, sie ist wichtig, realisiere ich. Für Menschen, die auch oder insbesondere im Urlaub die Nähe zu Gott suchen
Würde ich ein Angebot wie die Strandkorb-Andacht wieder besuchen? Ja. Es gibt nichts zu befürchten, man wird zu keiner Antwort gedrängt. Zwischen all den To-Dos, die wir uns auch im Urlaub auferlegen, tut diese Besinnung gut.