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350-jähriges Jubiläum der Neustiftung der Gnadenkapelle

Beten in Bethen: Wallfahrt, Soldatenfrauen und der Kelch des Löwen

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Wallfahrtskapelle von Bethen mit dem mittelalterlichen Gnadenbild.
Vechta/Bethen - Vor 350 Jahren belebte der Münsteraner Bischof die Marienverehrung in Bethen neu und ließ dafür eine Kapelle bauen. Bis heute pilgern Menschen in einen der nördlichsten Marienwallfahrtsorte Europas – und suchen Trost bei der Mutter der Sieben Schmerzen.

Die Bauern staunten nicht schlecht, als sie die Holzfigur auf den Wellen des Flusses Soeste treiben sahen – vor allem weil sie stromaufwärts schwamm. Vorsichtig gingen sie heran und erkannten Maria, die ihren toten Sohn in den Armen hielt. Das musste ein Wunder sein! Die Männer wateten in den Fluss und bargen die Figur. Auf dem Gutshof von Lethe stand eine gemauerte Kapelle, dort wollten sie sie hinbringen. Die Bauern luden die Pietà also auf einen Karren. Sie waren noch nicht lange unterwegs, als die Pferde plötzlich scheuten. Die Tiere blieben an Ort und Stelle stehen und auch von Hand ließ sich der Karren nicht mehr bewegen. Die Bauern schlossen aus diesem neuerlichen Wunder, dass die Muttergottes an diesem Ort verehrt werden wollte. Und dieser Ort war Bethen.

Soweit die Legende. Historiker sehen das etwas anders: "Es kann durchaus sein, dass man zuerst die Kapelle gebaut hat und dann das Gnadenbild dafür anfertigte", sagt Peter Sieve, Archivar im bischöflichen Offizialat in Vechta. "Im 14. Jahrhundert war es üblich, Siechenhäuser für Leprakranke vor den Toren der Stadt zu bauen. Das hat man sehr oft mit einer Vikarie und einer Kapellenstiftung verbunden." Sieve geht davon aus, dass die Bürger von Cloppenburg eine solche Einrichtung samt kleinem Gotteshaus im zwei Kilometer nördlich der Stadt gelegenen Bethen gegründet hätten. Kunsthistoriker haben die Figur auf die Zeit von 1380 bis 1400 datiert, zeitlich würde es also passen, sagt Sieve. Er sieht einen Beleg für die Anlage im ehemaligen Armenhaus von Bethen, das bis zu seinem Abriss 1940 direkt neben der Kapelle stand.

Unter den Schweden war an Wallfahrt nicht zu denken

Auch wenn sie wohl nicht stromaufwärts schwimmen konnte, entwickelte sich eine Wallfahrt zum Gnadenbild von Bethen. Laut Sieve belegt eine Urkunde aus dem Jahr 1448, "dass fromme Pilger das Gnadenbild in einer Kapelle verehrt hätten". Die Wallfahrt florierte für knapp einhundert Jahre, dann wurde 1543 im Niederstift Münster, also dem Gebiet des heutigen Emsland und des Oldenburger Münsterland, die Reformation eingeführt. Die Wallfahrt kam zum Erliegen. Die Gegenreformation setzte zwar schon 1613 ein, doch verhinderte der Dreißigjährige Krieg ein Wiederaufleben der Marienverehrung. Die Kapelle verfiel, manche Quellen erzählen auch davon, dass sie abbrannte. Wie die Pietà die Wirren dieser Zeit unbeschadet überstand, ist nicht bekannt. "Jahrelang waren die Schweden im Land, da war an Wallfahrt überhaupt nicht zu denken", sagt Sieve.

Die Gnadenkapelle von Bethen. Dahinter die neogotische Antoniuskapelle (r.) und die neobarocke Wallfahrtsbasilika (l.).
Die von Bischof Christoph Bernhard von Galen geweihte Gnadenkapelle von Bethen. Dahinter die Antoniuskapelle und die neobarocke Wallfahrtsbasilika.

Das änderte erst Christoph Bernhard von Galen. Der Münsteraner Bischof hatte 1668 viel Geld an seinen Osnabrücker Kollegen bezahlt, um die geistliche Oberhoheit über das Niederstift Münster zu erlangen. Politisch bestimmte von Galen als Landesherr längst die Geschicke der Region. Jetzt wollte er sich hier als religiöses Oberhaupt auch um die Rekatholisierung kümmern. Und ein Aspekt seiner Anstrengungen war die Wiederbelebung der Wallfahrt nach Bethen.

Dazu gab er eine neue Kapelle in Auftrag, initiierte die Maria-Geburtsprozession von St. Andreas in Cloppenburg nach Bethen und stiftete den Altar der Kapelle, den bis heute sein Wappen ziert. "Er war recht erfolgreich", sagt – 350 Jahre später – der Wallfahrtsrektor und Pfarrer von Bethen, Dirk Költgen. "In der Barockzeit blühte die Wallfahrt geradezu auf." Der kleine Marienwallfahrtsort wurde zum Pilgerziel für die ganze Region, die noch heute mehrheitlich katholisch geprägt ist. Doch schon mit der Aufklärung war des damit wieder vorbei. Die Zeitgenossen sahen Wallfahrt und Marienverehrung als mittelalterlichen Hokuspokus an. Die Bedeutung des Ortes sank, bis nur noch die Cloppenburger dorthin pilgerten. Auch die Frömmigkeitsbewegung des 19. Jahrhunderts erreichte die Mutter der Sieben Schmerzen nie.

Die Lebenden feiern bei den Toten

1915 besuchte der Bischof des brasilianischen Santarém, Amandus Bahlmann, seine alte Heimat im Oldenburger Münsterland. In der Bethener Kapelle sah er Frauen, die für ihre Männer an der Front beteten. Und so rief Bahlmann die Frauen der ganzen Region dazu auf, vor dem Gnadenbild für ihre Ehemänner, Brüder und Söhne zu beten. Der andauernde Krieg führte zu einem großen Pilgeraufkommen, an manchen Tagen pilgerten 12.000 Frauen aus der ganzen Region nach Bethen.

Die kleine Kapelle wurde für die Pilgerscharen zu klein, weshalb man sich bereits während des Krieges für den Bau einer Kirche entschied. Sie sollte "Wallfahrts-, Friedens- und Kriegergedächtniskirche werden", sagt Sieve. Durch die Weltwirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit verzögerte sich der 1922 begonnene Bau bis 1929. Doch dann konnte man die Kirche und die Gedenkstätte in der Krypta einweihen. Mit den 3.600 in Marmor gemeißelten Namen der katholischen Gefallenen des Oldenburger Münsterlandes  ist sie eine der größten ihrer Art im Nordwesten Deutschlands.

Prangerte die Euthanasie an: Münsters Bischof von Galen.
Bethen dient auch der Verehrung des seligen Kardinals Clemens August von Galen.

Bis heute "feiern die Lebenden bei den Toten in der Krypta Liturgie", wie es Pfarrer Költgen ausdrückt. Der Ort diene aber auch der Verehrung des seligen Kardinals Clemens August von Galen, einem Nachfahren von Bischof Christoph Bernhard. "Er stammte aus Dinklage, das ist 35 Kilometer von Bethen entfernt. Die von Galens sind als große Marienverehrer häufig zur Mutter der Sieben Schmerzen gepilgert", sagt Költgen. Der "Löwe von Münster" habe sich dem Marienwallfahrtsort zeitlebens sehr verbunden gefühlt. Deshalb habe er der Gemeinde seinen Primizkelch vermacht. "Der Kelch wird zu hohen Feiertagen bis heute benutzt", erzählt Költgen. So auch während der aktuellen Festwoche zum 350-jährigen Jubiläum der Gnadenkapelle.

"Ich muss hier mal eben noch eine Kerze anzünden"

Die Kapelle wurde in den folgenden Jahren zweimal zum Schauplatz der religiös-politischen Auseinandersetzungen der Zeit. Bischof von Galen hielt hier 1934 vor 25.000 Teilnehmern einer Männerwallfahrt eine Predigt gegen den Chefideologen der Nationalsozialisten, Alfred Rosenberg. Und als die NS-Regierung 1936 verbot, Kreuze in Schulen aufzuhängen, formierte sich vor der Gnadenkapelle der Widerstand der katholischen Bevölkerung. Nach einer Predigt des Kaplans Franz Uptmoor in Bethen nahm der Protest solche Ausmaße an, dass die NS-Regierung ihre Entscheidung – zumindest für einige Jahre – rückgängig machen musste.

Heute pilgern nicht mehr 25.000 Männer an einem Tag nach Bethen. Das Pilgerbüro im nördlichsten Marienwallfahrtsort Deutschlands zählt jährlich 100.000 Pilger. Die Gemeinde veranstalte seit einiger Zeit eine Reiterwallfahrt und ein Programm für Großeltern und Enkel. Es kommen also Gruppen, "aber überwiegend sind es Einzelpilger", sagt Pfarrer Költgen. Die betenden Frauen während des Ersten Weltkriegs haben anscheinend eine Tradition begründet. Laut Költgen kommen vor allem Familienangehörige oder Freunde von Kranken oder Sterbenden in die Gnadenkapelle, um vor der Mutter der Sieben Schmerzen für sie zu beten. Häufig höre er den Satz: "Ich muss hier mal eben noch eine Kerze anzünden."

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