Bischof Krämer: Die Kraft der Gemeinschaft gibt mir Zuversicht
Am ersten Adventssonntag wurde ich im Rottenburger Dom St. Martin vom Freiburger Erzbischof Stefan Burger zum zwölften Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart geweiht. Damit ging die knapp einjährige Sedisvakanz in unserer Diözese zu Ende – früher als erwartet. Ein Neuanfang am ersten Tag eines neuen Kirchenjahres – das war für mich ein sehr schönes und sprechendes Zeichen. Da neben dem Metropoliten der Oberrheinischen Kirchenprovinz auch meine beiden Vorgänger der Weiheliturgie vorstanden, Kardinal Walter Kasper und Bischof Gebhard Fürst, verknüpften sich Neubeginn und Kontinuität in dieser Feier auf eine für mich bewegende Weise.
Der Advent ist für mich immer wieder aufs Neue eine besondere Zeit, die von einer eigentümlichen Spannung geprägt ist. Zum einen ist er die Vorbereitung auf das Fest der Geburt Jesu, an die wir uns dankbar erinnern, auf der anderen Seite richtet der Advent unseren Blick auf die noch ausstehende Ankunft des endgültig wiederkommenden Christus. So lebt der Advent von dieser Spannung des "schon" und des "noch nicht". Diese Spannung habe auch ich in diesen Tagen sehr intensiv erlebt. Auf der einen Seite wurde von vielen zu Recht darauf hingewiesen, dass ich Bischof in meiner Heimatdiözese werde und damit die Menschen und die pastorale Wirklichkeit der katholischen Kirche in Württemberg sehr gut kenne. Durch meine bisherigen Aufgaben habe ich in den zurückliegenden Jahren viele verschiedene Erfahrungen gesammelt. Viele hauptberuflich und ehrenamtlich engagierte Katholikinnen und Katholiken sind mir seit langem bekannt. An zahlreichen Prozessen, die mit Blick auf die Zeit nach der Sedisvakanz bereits vorbereitet wurden, habe ich aktiv mitgewirkt. Insofern ist vieles bereits gut auf den Weg gebracht. Auf der anderen Seite stehe ich nun in einer neuen Aufgabe und in einer Verantwortung, die auch bisher Bekanntes in einem neuen Licht aufleuchten lässt. Ich weiß um viele Herausforderungen und frage mich, ob es gelingen wird, tragfähige Antworten darauf zu finden und ob sich die Menschen in unserer Diözese auf die neuen Wege einlassen werden, die es zu gehen gilt. Auf jeden Fall spüre ich, dass ich die mir durchaus bekannte Diözese im neuen Amt auf eine neue Weise noch tiefer kennenlernen werde – das ist für mich eine spannende Perspektive, die in mir Neugier und Freude wachsen lässt.
Kostbare Zeiten der Stille
Besonders kostbar sind für mich im Advent Zeiten der Stille und der geistlichen Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Auch wenn dies in diesem Jahr durch die vielen Vorbereitungen und zusätzlichen Aktivitäten etwas herausfordernder war als in manchen anderen Jahren, waren diese Zeiten für mich umso kostbarer. In der Woche vor der Weihe konnte ich mich für einige Tage in die Erzabtei St. Ottilien zurückziehen. Seit den Zeiten meines Theologiestudiums habe ich diesen Ort immer wieder als einen Raum erfahren, in dem ich geistlich zur Ruhe kommen kann. Die Teilnahme am Stundengebet der Missionsbenediktiner lässt mich schnell Abstand gewinnen vom Getriebe des Alltags und öffnet den Raum, der mich mit den Quellen meines Glaubens in Berührung bringt.
Geistlich gestärkt hat mich in der Zeit vor und nach der Weihe insbesondere der Zuspruch vieler Menschen, die mir nicht nur ihre Freude über meine Ernennung bekundet haben, sondern auch ihre Unterstützung zugesagt habe und allem voran ihr Gebet. Die Kraft des Gebetes habe ich in dieser Zeit auf neue und besonders intensive Weise erfahren – am dichtesten sicher in der Weiheliturgie selbst: Für mich war die Allerheiligen-Litanei, die gesungen wurde während ich ausgestreckt vor dem Altar lag, ein besonders bewegender und berührender Moment. Von diesem Eingebunden-Sein in die universale Gemeinschaft der Kirche, die durch die in der Feier anwesende Gottesdienstversammlung repräsentiert wird und zugleich Raum und Zeit übersteigt, geht eine große Kraft aus, die mich mit Zuversicht erfüllt und für meinen Dienst stärkt. So gehe ich mit großer Dankbarkeit die letzten Schritte auf das Weihnachtsfest zu und blicke mit gespannter Vorfreude auf das neue, das heilige Jahr 2025, für das uns Papst Franziskus zu einer Pilgerschaft der Hoffnung einlädt.