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Wie Häftlinge die Adventszeit verbringen

Das letzte Türchen bleibt zu

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Häftlinge feiern Weihnachten hinter Gittern in einem Anstaltsgefängnis.
Bonn - Kerzen, warmes Haus und überall Weihnachtsschmuck: In der Adventszeit wird es im Haus normalerweise gemütlich. Gefängniszellen sind da nüchterner - auch wenn manche Insassen sich trotzdem ihre Dekoration zusammensammeln. Der katholische Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach, Pfarrer Stefan Schwarz, erzählt im Interview mit katholisch.de, wie die Häftlinge Weihnachten feiern.

Frage: Wie sehr weihnachtet es in der JVA Rheinbach?

Schwarz: Auf jeden Fall erkennbar. Draußen vor dem Eingang steht auf dem Rondell ein schöner großer Weihnachtsbaum und innerhalb der Mauern haben wir noch einen. Ein Adventskranz ist auch da. In den Zellen sieht es nüchterner aus, nur ganz wenige Männer haben sich selbst ein paar bunte Sterne ausgeschnitten. Aber dafür findet sich in manchen ein eigener Adventskranz, den man sich über die Wochen "zusammensammeln" konnte: Nach jedem Gottesdienst haben wir den Besuchern eine rote Stumpenkerze mitgegeben, jetzt sind es drei. Eigentlich darf man in den Zellen gar keine Kerzen entzünden, aber für die Weihnachtszeit wird da eine Ausnahme gemacht. Am gemütlichsten haben es wahrscheinlich die 20 Sänger unseres Kirchenchors, weil sie alle eine Lichterkette als Zellendekoration bekommen haben. Musik von draußen gibt es demnächst auch noch. Da kommt ein Saxophon-Sextett zu Besuch und spielt Weihnachtslieder.

Frage: Weihnachten ist das Fest der Familie. Außerhalb der Gefängnismauern planen sich die Leute die Köpfe heiß, wo und wann sie zusammentreffen. Wie groß ist die Chance auf familiäres Miteinander für die Insassen?

Schwarz: Hier in der JVA wird schon Wert darauf gelegt, dass jetzt in der Weihnachtszeit jeder zu seinem Besuch kommt. Also, dass es nicht heißt: Pech gehabt, der nächste Termin ist erst wieder im Januar. Pro Monat können die Gefangenen zwei Stunden Besuch bekommen und das nehmen viele Angehörige in dieser Zeit natürlich wahr. Am zweiten Feiertag begehen wir hier im Gefängnis einen Familiengottesdienst, da dürfen Familien von draußen dazukommen und mit den Männern gemeinsam Weihnachten feiern. Danach frühstücken wir zusammen.

Frage: Gibt es auch spezielle Freigänge für Insassen, die an Heiligabend ihre Familie besuchen möchten?

Schwarz: Wir haben hier in der JVA einige Gefangene, die zu Freigängen rausdürfen. Speziell an Weihnachten und zu Silvester wird ihnen das aber absichtlich versagt. Die Erfahrung zeigt einfach, dass gerade an diesen Tagen die Gefahr groß ist, dass sie sich absetzen oder betrunken zurückkommen. Die Verlockungen und die seelischen Gefahren sind dann einfach zu groß. An den Feiertagen können in den Familien enorme Spannungsgefühle entstehen, wenn der Gefangene kurzfristig dazukommt und komplett außen vor steht, weil seine Angehörigen inzwischen gelernt haben, das Leben ohne ihn zu organisieren.

Immerhin gibt es aber die sogenannte "Weihnachtsamnestie". Alle Gefangenen, die eigentlich zwischen dem 8. November und dem 2. Januar entlassen werden sollen, dürfen schon am 7. November nach Hause. So können sie Weihnachten in Freiheit feiern und haben dann ja auch etwas Vorlauf, um sich in Familienbeziehungen wieder einzufügen, falls es welche gibt.

Frage: Ein typisches Merkmal der Vor-Weihnachtszeit sind lange Schlangen vor den Postämtern, weil alle Welt Briefe und Päckchen verschickt. Kommen auch im Gefängnis mehr Päckchen an als sonst?

Schwarz: Die Gefangenen dürfen insgesamt drei Päckchen pro Jahr bekommen: an Ostern, an Weihnachten und zu einem Termin ihrer Wahl. Jetzt haben manche ihre Päckchen von Angehörigen gekriegt, aber natürlich längst nicht alle. Bei einigen hat sich die Familie losgesagt und meldet sich auch zu Weihnachten nicht, bei anderen draußen fehlt das Geld, um überhaupt Geschenke zu kaufen. Wir wissen hier aber schon, wie wichtig wenigstens eine kleine Freude zum Fest ist. Deshalb schenken mein evangelischer Kollege und ich allen Insassen, die sonst leer ausgehen würden, eine Weihnachtstüte mit Tabak und Kaffee, Spekulatius und anderen Knabbereien, mit Schokolade und einem Kartenspiel.

Post ist auch bedeutsam. Wer Post bekommt, kann damit zeigen: Da draußen denkt jemand an mich. Deshalb werden die meisten Karten hier ganz stolz an die Zellenwände gepinnt. Je mehr, desto besser. Das ist dann Sozialprestige.

Zur Person:

Pfarrer Stefan Schwarz, Jahrgang 1959, ist seit 1990 Priester. Nach zwei Kaplanstellen in Pulheim und Neuss bewarb er sich als Gefängnisseelsorger in der JVA Rheinbach, die lange Zeit keinen Pfarrer hatte. Er arbeitet dort seit 14 Jahren. Pfarrer Schwarz ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. In der JVA Rheinbach sitzen zurzeit 484 Gefangene ein, die sich alle in Strafhalt (also nicht auch Untersuchungshaft) befinden.

Frage: In der JVA Rheinbach sitzen auch viele Muslime ein. Geht an ihnen die Weihnachtszeit einfach vorbei oder entwickelt sie so etwas wie eine konfessionsübergreifende Strahlkraft?

Schwarz: Das ist verschieden. Es gibt hier Männer, die können mit Weihnachten wirklich gar nichts anfangen. Und andere Muslime, die gern daran teilhaben. Wenn wir unsere Geschenk-Tüten vergeben, kann sich jeder entscheiden, ob er seinen Gutschein für ein Weihnachtspäckchen einlöst oder für eins zum Ramadan. Aber viele Muslime nehmen trotzdem ein Weihnachtspäckchen. Es gibt übrigens nicht wenige muslimische Männer hier, die mich, den katholischen Pfarrer, unbefangen als Anlaufstelle nutzen. Neulich erst hat jemand bei mir die Beichte abgelegt. Dem kann ich dann nicht im Sinne seiner Religion Vergebung erteilen, aber im Sinne Allahs, also Gottes, natürlich schon. Wir Seelsorger haben in unseren Büros auch Gebetsteppiche, die wir verleihen und mit meinem Kompass kann ich den Gefangenen in den Zellen helfen, sich zum Beten nach Mekka auszurichten.

Frage: Welche Botschaft verkünden Sie und Ihr Kollege am Heiligen Abend in ihrem ökumenischen Weihnachtsgottesdienst? Enthält die Bibel Trost speziell für Gefangene?

Schwarz: Auf jeden Fall. Bedenken Sie, dass der erste Mensch, der mit Jesus ins neueröffnete Paradies kommt, einer der Verbrecher ist, die mit ihm gekreuzigt werden. Dazu heißt es bei Lukas: "Und er sagte: Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein." (Lukas 23, Vers 42)

Und auch in der Weihnachtsgeschichte ist für Gefangene viel Zuversicht enthalten. Denn Krippe und Kreuz gehören ja zusammen. Schon der Gott in der Krippe ist der Gott, der zur Welt kommt für die Sünder. Eine unverdiente Gnade für jeden von uns. Außerdem wird Jesus nicht zwischen den Reichen geboren, sondern zwischen denen, denen es wirtschaftlich eher schlecht geht, in einem Milieu, aus dem oftmals auch unsere Insassen stammen.

Es gibt genügend Gefangene, die sich in ihrer Kriminalität lebenslang einrichten und dann auch immer wieder rückfällig werden. Aber für die anderen - für die, die wirklich etwas ändern möchten, ist die Heilige Schrift eine große Hilfe. Denn es ist ja wahnsinnig tröstlich, dass sie immer wieder deutlich macht: Jeder kann zu jeder Zeit umkehren. Die Gesellschaft bezeichnet die Männer, die hier einsitzen, oft als Abschaum. In Jesus Augen sind sie das aber nicht.

Frage: Das heißt, die Gottesdienste an den Weihnachtstagen können den Gefangenen tatsächlich Kraft und Zuversicht vermitteln?

Schwarz: Einige kommen sicher nur, weil sie dann eine Stunde weniger in ihren Zellen sein müssen. Aber viele sind wirklich sehr angerührt. Vor allem, weil wir unsere Gottesdienste hier in einer echten Gefängniskirche halten und nicht in irgendeinem Mehrzweckraum oder einer Turnhalle. Die Männer genießen das feierliche Ambiente und die Orgelmusik - Nüchternheit haben sie auf ihren Zellen genug. Wenn die Gefangenen Kerzen entzünden und mit Inbrunst vor der Statue der Mutter Gottes niederknien, ist das ein schöner Anblick. Und wenn wir am Ende des Weihnachtsgottesdienstes gemeinsam "Stille Nacht, heilige Nacht" singen, dann haben die Leute Tränen in den Augen.

Das Interview führte Gerlind Schabert

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