Das "Maltacamp": Wo junge Leute mit Handicap "Unmögliches" erleben
Kein Laut ist zu hören. Grell blinken die Lichter in der abgedunkelten Halle, flackern rot und blau. Fröhliche Menschen bewegen sich zu der unhörbaren Musik. Discogäste aus 26 Nationen tanzen, Kopfhörer über den Ohren. Sie alle sind Teilnehmer des 36. Internationalen Malteser Sommerlagers im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal. Auf dem Programm des Ferienlagers für Menschen mit und ohne Behinderung steht "Silent Disco": Die Musik schallt nicht wie gewohnt aus Lautsprechern in die Disko, sondern jeder Gast kann zwischen drei verschiedenen Kanälen an seinem Kopfhörer wählen. Drei DJs legen auf – und jeder kann entscheiden, was er hören und wozu er tanzen möchte. Menschen mit und ohne Handicap, Rollstuhlfahrer und Fußgänger haben gemeinsam Spaß, verbringen eine rauschende Nacht
Das "Maltacamp", das an diesem Samstag zu Ende geht, ist ein ganz besonderes Projekt des katholischen Malteserordens. 500 junge Erwachsene aus vielen Teilen der Welt kommen zusammen, um Urlaub zu verbringen. Die Teilnehmer stammen aus Kanada und dem Irak, aus Spanien und Polen – damit ist das Maltacamp nach dem Stand der Organisatoren das größte Ferienlager für Menschen mit Behinderung weltweit. Jedes Jahr findet das Sommerlager in einem anderen Land statt, nach 14 Jahren kam es in der vergangenen Woche wieder nach Deutschland. Das Ziel der von den Maltesern organisierten Woche ist es, das "Unmögliche möglich zu machen", wie die Organisatoren sagen. Die Menschen mit Handicap sollen Dinge erleben, die in ihrem Alltag nicht möglich sind. "Wir wollen die Blickrichtung des öffentlichen Diskurses ändern und zeigen, welche Vielfalt an Dingen mit Menschen mit Behinderung möglich sind", sagt Amelie von Aulock. 15 Monate kümmerte sie sich um die Organisation des Sommerlagers – eigentlich sind für das Großevent drei Jahre Vorlauf üblich. Spontan sprang ein Land jedoch ab und die deutschen Malteser übernahmen diese Aufgabe.
Gemeinsam besuchten die Teilnehmer des Camps Schloss Herrenchiemsee und München. Dort feierten sie in der Theatinerkirche die Heilige Messe gemeinsam mit dem Großmeister des Malteserordens, Giacomo Della Torre del Tempio di Sanguinetto. An zwei Tagen hatten die Gäste des Camps die Gelegenheit, unvergessliche Ausflüge zu unternehmen: Eine Gruppe etwa ging auf einem oberbayerischen Fluss Raften, eine andere fuhr auf die Zugspitze, andere Teilnehmer konnten Paragliding oder die Münchner Allianz Arena besuchen. Der niederländische Gast Hatsjo Sarisov war beim Gleitschirmfliegen dabei und sagt: "Paragliding war fantastisch. In der Luft ist alles so ruhig und friedlich. Man fühlt sich dort völlig frei."
Im Gelände von Kloster Ettal konnten die Gäste mit Feuerwehrmännern das Löschen von Feuerherden lernen, auf Kamelen reiten oder eine Spritztour im Cabrio unternehmen. An beinahe jedem Abend fand zudem eine Disco statt, bei der bis tief in die Nacht ausgiebig gefeiert wurde.
Gast und Helfer werden zu einem Team
Für Justus Eberl ist das Maltacamp etwas ganz Besonderes. Schon zum vierten Mal war er mit dabei, zum zweiten Mal als Leiter des deutschen Teams. Jedes Land schickt ein Team zum Camp, das aus Menschen mit einer Behinderung – den Gästen – und aus Helfern besteht. Die Aufgabe der Helfer ist es, sich ganz um ihren Gast zu kümmern. Für eine Woche steht er im Mittelpunkt und kann bestimmen, was er tun möchte und wie er seine Woche gestalten will. Gäste und Helfer kennen sich oft vor dem Sommerlager nicht und es dauert ein paar Tage, bis sie sich aufeinander eingestellt haben. Das weiß auch der Libanese Makram de Freige aus Beirut. Er ist zum ersten Mal beim Maltacamp mit dabei: "Es kommt auf die Ergänzung von Gast und Helfer an; beide Charaktere müssen zusammenkommen. Bei uns dauerte es vier Tage." Das ist ganz normal: Gast und Helfer haben verschiedene Geschwindigkeiten, unterschiedliche Bedürfnisse.
Größere Probleme gab es zumindest im deutschen Team dabei aber noch nie, sagt der Jurist Eberl: "Menschliche Zuwendung funktioniert einfach immer." Diese Erkenntnis entspricht den Grundsätzen des Malteserordens. Er entwickelte sich aus einem Jerusalemer Spital, das der Ordensgründer, der selige Gerhard Sasso, für kranke und bedürftige Menschen einrichtete. Dort wurden Pilger unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft oder ihrem Glauben behandelt. Diesen Grundgedanken haben sich die Malteser bis heute behalten, ihr Motto bringt es zum Ausdruck: "Tutio fidei et obsequium pauperum" – Bezeugung des Glaubens und Dienst an den Armen.
"Den Armen zu helfen nährt unsere Beziehung zu Gott, nährt unseren Glauben, lässt uns Gott besser kennen lernen", sagt Pater Joseph Geelen. Der niederländische Augustinerchorherr ist der Kaplan des Camps, er war für das geistliche Angebot der Woche zuständig. Für Miriam Denno aus Großbritannien ist das ebenfalls ein wichtiger Punkt. Sie war als Gast auf dem Sommerlager: "Das war mein viertes Maltacamp. Ich war schon in Polen, England und Österreich. Ich liebe die Freundschaften, die ich hier erleben kann. Ich kann Zeit mit meinen Freunden und mit Gott verbringen."
Zu Freunden werden die Teilnehmer des Camps, egal ob mit oder ohne Behinderung. Justus Eberl aus dem deutschen Team sagt: "Man lernt sich in dieser Woche so gut kennen, dass man auch die Schwächen des Anderen kennt – und trotzdem hält man zusammen. Das nennt man Freundschaft." Er ist davon überzeugt, dass auf dem Maltacamp wirklich Unmögliches möglich gemacht wird. "Zwei Menschen kommen zusammen. Einer braucht Hilfe, der andere gibt sie. Und das funktioniert", sagt Eberl. Das ist natürlich nicht immer unkompliziert. Gerade bei den Vorbereitungen musste auf Barrierefreiheit geachtet werden, Rampen in Schule und Internat der Ettaler Bendiktinermönche gebaut werden. Der große Aufwand hat sich aus Sicht der Teilnehmer aber auf jeden Fall gelohnt. Milena Velkovska aus Bulgarien etwa tut sich schwer mit dem Gehen. Sie hat vor allem die kleinen Dinge genossen – etwa, einmal nicht selbst ihren Rucksack tragen zu müssen. "Für uns waren das hier wirklich Ferien."