Das Messbuch soll neu herausgegeben werden – was wird sich ändern?
Seit 1975 ist das aktuelle deutschsprachige Messbuch in Gebrauch. Mehrfach haben die Bischöfe es überarbeiten wollen – ohne Erfolg. Jetzt nehmen sie einen neuen Anlauf, und alle Gläubigen können sich mit ihren Rückmeldungen beteiligen. Der Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts, Marius Linnenborn, ist Mitglied der Projektleitung für die Messbuch-Revision im deutschen Sprachgebiet. Im Interview mit katholisch.de erklärt er, warum das Messbuch überhaupt neu herausgegeben werden soll – und auf welche Neuerung er besonders große Hoffnungen setzt.
Frage: Pfarrer Linnenborn, die deutsche Fassung des Messbuchs wird revidiert. Warum braucht es diese Revision? Wo besteht denn Änderungsbedarf?
Linnenborn: Sprache ist immer im Wandel und es gibt seit 1975 viele Erfahrungen mit der liturgischen Sprache aus der konkreten Feier der Liturgie. Dadurch entstehen ein gewisser Bedarf und Wünsche, manche Dinge zu überarbeiten. Dazu kommt, dass es seit damals neue, zusätzliche Texte gibt, die in der Neuausgabe des Missale Romanum von 2002/2008 hinzugekommen sind und daher neu übersetzt werden müssen, weil sie in deutscher Sprache noch nicht in einer offiziellen Fassung vorliegen. Diese Beweggründe haben dazu geführt, dass die Bischöfe im deutschen Sprachgebiet sich entschieden haben, die Revision anzugehen.
Frage: Was findet sich heute im Messbuch, das nach 50 Jahren zeitgebunden und veraltet wirkt?
Linnenborn: Es ist nicht so, dass die Übersetzung von 1975 heute veraltet wäre. Aber natürlich gewinnt man in 50 Jahren Verwendung Erfahrungen und sieht, was sich bewährt hat, und wo Überarbeitungen wünschenswert sind. Das bisherige Messbuch ist im Großen und Ganzen sehr gut gemacht und hat unsere Gebetssprache geprägt. Man kann an der einen oder anderen Stelle noch etwas überarbeiten, aber wir haben eine Basis, die schon eine sehr gute Qualität hat.
Frage: Wo sehen Sie, dass Überarbeitungen nötig sind?
Linnenborn: Es gibt einige Formulierungen, die man mit heutigem Sprachgefühl wohl nicht mehr so verwenden würde. Aber da möchte ich nicht der Revision vorgreifen.
Frage: Als Priester verwenden Sie das Messbuch selbst regelmäßig. Gibt es denn Stellen, wo Sie bei der Feier der Messe ganz persönlich denken, ohne jetzt als Verantwortlicher für die Revision zu sprechen, dass das so nicht mehr ganz passt?
Linnenborn: Im Tagesgebet an einem der letzten Sonntage des Kirchenjahres heißt es: "Lass uns begreifen, dass wir frei werden, wenn wir uns deinem Willen unterwerfen." Das ist eine Sprache, die nicht leicht mitzuvollziehen ist, zumal gleich am Beginn des Gottesdienstes. Erstaunlicherweise ist dieser Gedanke in der lateinischen Oration so gar nicht enthalten. Da wäre es also schon möglich, anders zu formulieren.
Frage: Die Messliturgie ist in ihrer aktuellen deutschen Übersetzung seit Jahrzehnten vertraut und gelernt. Ist dieses Vertrautsein mit der Messe nicht schon ein Wert an sich, den eine Revision zunichtemachen würde?
Linnenborn: Deshalb geht es ausdrücklich um eine moderate Revision. Die Bischöfe gehen davon aus, dass das Messbuch im Prinzip gut ist. Die Texte sind "eingebetet". Deshalb braucht es keine völlige Überarbeitung.
Frage: Frühere Anläufe, das Messbuch zu überarbeiten, sind gescheitert.
Linnenborn: Es gab in der Vergangenheit bereits zwei Anläufe. In den 1990er Jahren wurde eine stärkere Revision begonnen. Dieses Projekt musste aber beendet werden, als 2001 die vatikanische Übersetzungsinstruktion "Liturgiam authenticam" veröffentlicht wurde, die eine sehr strikte Orientierung am lateinischen Ursprungstext eingefordert hat. Auf dieser Grundlage wurde ein zweiter Anlauf gemacht, also stärker am Lateinischen orientiert. Als diese neue Übersetzung fertig war, wollten die Bischöfe des deutschen Sprachgebiets sie aber nicht approbieren, weil sie nicht überzeugt waren, dass sie wirklich besser als die bestehende ist.
Frage: In der Zwischenzeit hat Papst Franziskus die römischen Übersetzungsprinzipien mit dem Motu proprio "Magnum principium" geändert.
Linnenborn: Seitdem haben die Bischofskonferenzen wieder die Hauptverantwortung für die Übersetzungen. Im Zuge dessen haben sich dann die Bischöfe des deutschen Sprachgebiets entschlossen, die Revision neu anzugehen – und zwar bewusst so, dass zum einen die noch fehlenden Texte übersetzt werden und zum anderen die bestehenden Übersetzungen moderat angepasst werden, wo es erforderlich ist.
Frage: Welche Übersetzungen fehlen noch?
Linnenborn: Schon 1975 gab es ein weiteres Hochgebet zum Anliegen der Versöhnung, das nicht übersetzt wurde. Damals war die Vorgabe, dass es genügt, eines der beiden Hochgebete aufzunehmen. In der dritten Auflage des Römischen Messbuchs von 2002, die 2008 noch einmal neu herausgegeben wurde, sind einige zusätzliche Vorabendmessen aufgenommen und Segensgebete über das Volk für jeden einzelnen Tag der Österlichen Bußzeit. Das ist eine Gattung, die bei uns relativ unbekannt ist. Schon jetzt gibt es im Messbuch solch Segensgebete über das Volk, aber in der Praxis werden sie eher selten verwendet. Dazu sollen Perikopenorationen kommen, wie es sie in zwei anderen volkssprachlichen Messbüchern schon gibt. Das sind Tagesgebete, die sich an den Schriftlesungen des jeweiligen Sonntags orientieren. Diese Orationen werden als Alternative zu den bisherigen Tagesgebeten angeboten. Außerdem sollen im zukünftigen Messbuch alternative Kommunionverse angeboten werden, die zumeist einen Vers aus dem Evangelium des Tages aufgreifen. Beides wäre ein substanzieller Zugewinn gegenüber dem bisherigen Messbuch, und sicherlich auch das am stärksten Sichtbare und Spürbare, das die Neuausgabe bringt.
Frage: Das wäre eine Frucht aus den Übersetzungen in andere Sprachen. Sehen Sie in der Weltkirche darüber hinaus noch Dinge, von denen Sie für die deutsche Übersetzung lernen können?
Linnenborn: Von den Erfahrungen mit den Messbüchern, die nach den strengen Vorgaben von "Liturgiam authenticam" angefertigt wurden, kann man sicher auch lernen. Die Übersetzungen ins Englische und ins Französische wurden sehr kontrovers im jeweiligen Sprachgebiet aufgenommen. Das zeigt, dass diese Übersetzungsstrategie nicht die Lösung ist. Darüber hinaus schauen wir uns natürlich auch Messbücher weiterer Sprachen an.
Frage: Mit "Magnum principium" sind jetzt wieder freiere Übersetzungen erlaubt. Kann man damit auf dieser Grundlage jetzt einen guten deutschen Text verfassen?
Linnenborn: Davon gehen wir aus. Papst Franziskus hat in "Magnum principium" als Ziel eine dreifache Treue vorgegeben: zum Inhalt des lateinischen Ursprungstextes, zur Zielsprache und zum Verständnis der Zielgruppe, also der Menschen, die heute Liturgie feiern, auch der zukünftigen Generationen.
Frage: Bei der Übersetzung aus dem Lateinischen geht es nicht nur darum, wie nahe man an der Ursprungssprache bleibt. Es geht auch um theologische Fragen. Das wichtigste Beispiel ist die Frage, wie man das "pro multis" in den Wandlungsworten übersetzt – wörtlich "für viele" oder freier "für alle". Ist da mit einer Änderung zu rechnen?
Linnenborn: Die italienischen Bischöfe hatten sich im Zusammenhang mit der Approbation ihres Messbuchs bei einer eigenen Abstimmung für die Beibehaltung des "per tutti" im Kelchwort ausgesprochen, und Papst Franziskus hat schließlich das italienische Messbuch mit "per tutti", also "für alle", approbiert. Ich vermute, dass eine Abstimmung unter den Bischöfen des deutschen Sprachgebiets ähnlich ausfallen würde.
Frage: Und gibt es noch andere Punkte, die theologisch heikel sind?
Linnenborn: Es gibt vor allem Diskussionen um die sprachlichen Formulierungen. Noch größer als die Herausforderung, bestehende Orationen aus dem Lateinischen in eine gute heutige deutsche Sprache zu übersetzen, scheint mir die Herausforderung zu sein, bei den neuen Perikopenorationen Formulierungen zu finden, die auch noch in den nächsten Jahrzehnten Bestand haben. Es ist eine große Verantwortung, die Sprache der Liturgie für das gesamte Sprachgebiet und für viele Jahre festzulegen.
Frage: Seit der Entstehung der aktuellen Fassung ist die Sensibilität für inklusive Sprache und Geschlechtergerechtigkeit gewachsen. Wird das eine Rolle spielen?
Linnenborn: Natürlich wird man dort, wo heute nur "Brüder" steht, auch die Schwestern ergänzen. Generell soll die Sprache möglichst inklusiv sein. Auch mit stark männlich geprägten Gottesbildern wird man achtsam umgehen.
Frage: Und Formulierungen in einfacher oder Leichter Sprache?
Linnenborn: Liturgische Sprache ist anspruchsvoll. Das Messbuch als Ganzes kann daher nicht in Leichter Sprache formuliert werden. Aber es gibt ja bereits seit einigen Jahren ein Hochgebet in Leichter Sprache, das schon jetzt in den entsprechenden Gruppen verwendet werden kann.
Die Revision des deutschsprachigen Messbuchs wurde im Jahr 2024 begonnen. Dafür sind von den zuständigen bischöflichen Gremien eine Projektleitung sowie vier international zusammengesetzte Arbeitsgruppen (Orationen I, Orationen II, Biblische und poetische Gesänge und Texte sowie Ordo Missae) eingerichtet worden.
Die "Konferenz Liturgie der Kirche im deutschen Sprachgebiet" (KLD) verantwortet im Auftrag der Bischofskonferenzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie der Bischöfe von Luxemburg, Vaduz, Straßburg, Bozen-Brixen und Lüttich das Gesamtprojekt.
Drei Schritte zum neuen Messbuch
Die Erarbeitung der Neuausgabe des deutschsprachigen Messbuchs erfolgt in drei Phasen:
- Übersetzung neuer Texte des Missale Romanum (bereits abgeschlossen)
- Revision bestehender deutschsprachiger Messbuchtexte (jetzt begonnen)
- Zusammenführung aller Inhalte sowie kirchliche Approbation, Redaktion und Drucklegung
Frage: Wie geht das Projekt jetzt konkret weiter?
Linnenborn: Wir haben in der nächsten Zeit zwei Phasen der Beteiligung. Von Aschermittwoch bis Ende Juni kommenden Jahres werden bereits erarbeitete Texte in einer Erprobungsphase in ausgewählten Gemeinden und Ordensgemeinschaften erprobt. Dadurch gewinnen wir Erkenntnisse aus der liturgischen Praxis, ob der eingeschlagene Weg gangbar ist, ob die Priester die Texte gut sprechen können und ob die Gemeinde in der Liturgie die Texte gut mitvollziehen kann. Schon vorher startet im November eine öffentliche Konsultationsphase, in der wir dazu einladen, Rückmeldungen zum bisherigen Messbuch zu geben. Diese Rückmeldungen sollen sich möglichst konkret an dem jeweiligen Text orientieren, damit wir gut damit arbeiten können. Pauschale Rückmeldungen wie "alles zu altmodisch" helfen uns nicht weiter.
Frage: Wann wird das neue Messbuch dann voraussichtlich eingeführt?
Linnenborn: Aktuell steht in unserem Plan das Jahr 2033. Der Weg dorthin ist noch weit: In den kommenden beiden Jahren möchten wir die Rückmeldungen aus der Konsultations- und der Erprobungsphase auswerten, dann erhalten die Bischöfe des deutschen Sprachgebiets das Manuskript, sie können gegebenenfalls Alternativvorschläge, sogenannte Modi, einreichen, und wenn nach dieser Phase ein Gesamttext für das zukünftige Messbuch entstanden ist, der von den Bischöfen approbiert wird, geht er nach Rom zur offiziellen Bestätigung und Genehmigung.
Frage: Wenn es dann so weit ist: Was erhoffen Sie sich von dem neuen Messbuch für den Gottesdienst in den Gemeinden?
Linnenborn: Ich hoffe, dass vor allem die neuen Perikopenorationen den Mitvollzug des Betens erleichtern. Die bisherigen Orationen stammen aus alten Zeiten und sind oft sehr dicht und theologisch. Für viele erscheinen sie erst einmal fremd. Deshalb hoffe ich, dass durch die Perikopenorationen das Beten für die Gemeinde leichter mitvollziehbar wird. Die Einführung des neuen Messbuchs sollten wir auch für eine tiefere Erschließung dessen nutzen, was wir in der Liturgie tun. Wichtig ist etwa beim Tagesgebet, dass das eigentliche Gebet ja das stille Beten der Gemeinde ist. Das Tagesgebet selbst ist nur eine "collecta", die diese Gebete zusammenfasst. Der Priester lädt mit seinem "Lasst uns beten" ein, und darauf folgt eine Stille, die oft sehr kurz ist oder ganz ausfällt. Ich hoffe, dass das neue Messbuch ein Anstoß ist, darauf genauer zu achten: Wie feiern wir Liturgie? Wie kann die gesamte gottesdienstliche Versammlung noch stärker das liturgische Beten mitvollziehen und zum eigenen Gebet werden lassen?