Der Glaube als Wegbegleiter: Vom Trappisten zum Therapeuten
Sofern er es einrichten kann, kehrt Rene Langenberger einmal im Jahr aus Thüringen an seine alte Wirkensstätte in der Eifel zurück. Dann setzt er sich zum Gebet allein ins Chorgestühl und lässt die vertraute Aura tief in sich einfließen. Zu Jahrtausendbeginn begann Langenberger als Novize im Trappistenkloster Mariawald, das sich 2018 aus Mangel an Nachwuchs und Perspektive auflöste. "Ich bin sehr dankbar für die Zeit", blickt er zurück. Die Profess jedoch legte er nicht ab, sondern setzte seinen Lebensweg, der nie gradlinig verlaufen war, anderweitig fort: Er wurde Psychotherapeut in eigener Praxis
"Ich bin ein Kind der DDR", sagt Langenberger. Die Großeltern, bei denen er aufwuchs, vererbten ihm den katholischen Glauben. Er war staatlichen Repressalien ausgesetzt, machte das Abitur an einer Abendschule, begann nach der Wende ein Studium der Sozialökologie und der Sozialpädagogik in Berlin. Doch er war ein Unruhegeist auf der Suche nach seiner Berufung
Die Anziehungskraft des monastischen Lebens
Er unterbrach sein Studium und arbeitete im indischen Kalkutta im Sterbehaus von Mutter Teresa. "Hier war ich den existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Sterbens, nach der Ungerechtigkeit in der Welt und Gottes Antwort darauf sehr nahe", sagt er nachdenklich. Zurück in Berlin, zog er mit einem Bauwagen als Behausung in ein Waldgebiet; "Ermitage St. Bruno" nannte er den Platz. "Der heilige Bruno und die Kartäuserspiritualität fesseln mich bis heute", so Langenberger, der sich im Alter von 30 Jahren den Trappisten anschloss.
Warum? "Ich wollte immer Mönch und Psychotherapeut werden", erklärt er und setzt hinzu: "Die alten Wüstenväter aus dem 4. Jahrhundert nannte man ja nicht ohne Grund Therapeuten." Bei den Trappisten überzeugte ihn der Grundsatz, "von der eigenen Hände Arbeit zu leben"
Beim Blick auf seine Wahl für jenen Orden holt er weiter aus: "Ein wichtiger Hintergrund für meine Mönchsberufung war die Frage: Wo gibt es zukunftsfähige Projekte, die zur Grundlage die Bewahrung der Schöpfung, ein einfaches Leben mit Respekt vor Gottes Schöpfung haben? Ein authentisches Leben, in dem der Mensch sich nicht über die Natur erhebt, sondern sich bewusst bleibt, dass er ein Teil von ihr ist. Gott- und Naturverbundenheit gehören zusammen, und das realisierten die Trappisten intuitiv in ihrem Lebensstil."
Ein zweiter Grund, warum sich Langenberger von der trappistischen Spiritualität angezogen fühlte, war die Rolle des Gebetes und des Schweigens im Leben der Mönche, wie er sagt. "Das Schweigen rührt an die Wurzel der Wörter." Bei den alten Wüstenvätern finde sich der Spruch: "Der Anfang des Heils besteht darin, dass du dir selbst entgegentrittst." Für Langenberger "der Bereich, der mich letztlich zur Psychotherapie und Psychoanalyse geführt hat. Bevor Gottes Gnade wirken kann, muss der Mensch seine seelischen Verstrickungen erkennen und annehmen, sich läutern. Erst dann wird er frei für Gottes Geist und das Licht des christlichen Glaubens. Die Stille und das Schweigen sind Voraussetzungen für diese Prozesse."
Für die Verwirklichung seines weiteren Lebens brauchte Langenberger keine Klostermauern mehr. Nach langjährigen psychoanalytischen Ausbildungen öffnete er in Rödersdorf, einer ländlichen Gegend in Thüringen, eine Praxis für Psychotherapie und Psychoanalyse. Die monastische Spiritualität bleibt für Langenberger gleichwohl das Fundament seines Lebens. Nicht zufällig hat er seine Praxis in einem vormaligen Pfarrhaus mit Obst- und Gemüsegarten eingerichtet.
Mittlerweile ist er mit einer russischen Konzertpianistin verheiratet, die einst wie er eine monastische Lebensform erwog. "Das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen", sinniert er. "Ich kann Brunos Aufbruch, alles zu verlassen und Gott im Verborgenen zu suchen, viel abgewinnen. Im Moment bin ich an diesen Platz gestellt, abgeschieden wie ein kleines Kloster. Es ist meine Aufgabe, mich hier in der Diaspora um die mir anvertrauten Seelen in meiner Praxis zu kümmern. Mit Augustinus kann ich sagen: Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir."