Der späte Katholik
Der Dienstsitz von Bernd Merbitz liegt nur wenige Meter Luftlinie von einem der größten katholischen Kirchenneubauten der jüngeren Geschichte entfernt. Das Gerüst der Leipziger Propsteikirche, umspannt von roten Netzen, schimmert durch die Bäume auf der gegenüberliegenden Straßenseite, dahinter erstreckt sich der Turm des Neuen Rathauses. Sobald die Gemeinde in der neuen Kirche ihren Gottesdienst feiern kann, wird das Glockengeläut bis in Merbitz' Büro erklingen. Ein schöner Gedanke für den Leipziger Polizeipräsidenten, denn er ist gläubiger Katholik. Das war allerdings nicht immer so: Gefirmt wurde der 58-Jährige erst an Pfingsten vor zwei Jahren.
"Ich hatte früher keinerlei Beziehung zur Kirche", erzählt Merbitz und zieht seine Uniform glatt. Sie gehört schon lang zu ihm, heute trägt er sie manchmal auch stolz im Gottesdienst. Freundlich ist der Empfang in seinem Büro, der Polizeipräsident ist kein Mann, der seine Emotionen verbergen würde. Religion sei "bekannt, aber fremd" gewesen und auch vom Elternhaus nicht gewollt, berichtet er. Er wurde zwar evangelisch getauft, doch das Christentum spielte für ihn keine Rolle. Zum Weltbild der DDR habe die Religion einfach nicht gepasst, sagt der gebürtige Thüringer.
Auf Umwegen zur katholischen Kirche
Ein Umstand, der auch 25 Jahre nach der friedlichen Revolution nachwirkt. In Leipzig gehören mehr als 80 Prozent der Bevölkerung keiner Konfession an, die christlichen Kirchen sind in der Diaspora. Die Anzahl der Katholiken liegt nur bei rund vier Prozent, doch sie steigt. Mit rund 4.600 Mitgliedern ist die Gemeinde St. Trinitatis die größte Pfarrei im Bistum Dresden-Meißen.
Merbitz' Lebensweg führte ihn zunächst noch weiter weg von der Religion. Als er mit 19 Jahren in den Polizeidienst der DDR eintrat, musste er notariell aus der Kirche austreten. Er wurde Mitglied der SED, machte Karriere als Kriminalist und leitete die Mordkommission in Leipzig. Die Konfrontation mit dem Tod brachte wieder das erste Nachdenken über Religion. "Das hat mich damals tief bewegt", sagt er, "das Leid in den Familien, denen man eine Todesnachricht überbringt." Manchmal kam er damit nicht wirklich zurecht. Der christliche Glaube hätte ihm in solchen Situationen helfen können, ist Merbitz heute überzeugt. Das gelte auch für den frühen Tod seines Vaters, der ihn noch immer sichtlich mitnimmt. "Zu DDR-Zeiten wurden am Grab nur kurze Reden gehalten - man ist schneller vergessen worden, als die Blumen auf dem Grab verblühten".
Den Glauben leben und verkörpern
Nach der Wende kam er mehr oder weniger zufällig häufiger mit Christen in Kontakt. Er war fasziniert von den Menschen, die vor dem Hintergrund ihres Glaubens "ganz anders miteinander umgingen". Achtung vor dem Menschen und Demut seien für ihn heute die Grundpfeiler seiner Überzeugung und seines Handelns. Ausschlag für die Hinwendung zur katholischen Kirche gab auch seine zweite Ehefrau. Sie fragte ihn, ob er nicht einmal in den Gottesdienst mitkommen würde. "Ich habe mich dann ganz hinten hingesetzt und mir erst einmal alles angehört."
Seine Karriere ging auch nach der Wende weiter. Er übernahm die Abteilung polizeilicher Staatsschutz im Landeskriminalamt, danach die Leitung der Polizeidirektion in Grimma. Leidenschaftlich kämpfte er gegen Rechtsextremismus, machte sich als "Nazi-Jäger" einen Namen. Wütend wird er, wenn er über die "Menschenverachtung" der Neonazis spricht. Daran können auch zahlreiche Drohungen gegen ihn und seine Familie nichts ändern. Seinem neu entdeckten Glauben versucht er, in allen Lebensbereichen gerecht zu werden, er bringt ihn auch mit auf die Arbeit. "Ich gebe mir alle Mühe, das selbst zu verkörpern und zu leben." Als kürzlich ein Kollege schwer erkrankt war, sagte Merbitz: "Ich werde für dich beten."
Durch seine Biografie und gesellschaftliche Stellung ist Merbitz mittlerweile auch Botschafter des katholischen Glaubens geworden. Zur Werbung für den 100. Deutschen Katholikentag 2016 in Leipzig reiste er an einem Novembertag 2013 gemeinsam mit dem Dresdner Bischof Heiner Hoch nach Bonn, Hunderte Zuhörer erwarteten die Delegation. Als Merbitz aufgefordert wurde, von seinem Lebensweg zu berichten, musste er erst einmal tief Luft holen. "Ich hab gedacht: Was soll ich denen als Mann aus dem tiefsten Osten von meinem Leben und meinem Glauben erzählen?" Dann legte er einfach los, es folgte lang anhaltender Applaus. Die Entscheidung der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken für Leipzig sei einstimmig gefallen, berichtet Merbitz stolz.
Von Luise Poschmann
Das Bistum Dresden-Meißen liegt in Sachsen und im Osten Thüringens. In seinen rund 100 Pfarrgemeinden leben etwa 139.000 Katholiken, rund 4 Prozent der Bevölkerung. Nur in den Siedlungsgebieten der sorbischsprachigen Minderheit in der Oberlausitz gibt es einen höheren Katholikenanteil. Seine historischen Wurzeln reichen bis ins 10. Jahrhundert. Das alte Bistum Meißen wurde 968 gegründet. Im Zuge der Reformation ging es unter. Im 18. Jahrhundert erhielt die katholische Kirche in Sachsen wieder Auftrieb, nachdem Kurfürst August der Starke 1697 zum Katholizismus konvertiert war, um die polnische Königskrone erlangen zu können. Sein Sohn August III. ließ die 1755 fertiggestellte katholische Dresdner Hofkirche errichten. Sie gehört zu den bekanntesten Bauten der Stadt und ist heute die Kathedrale des Bistums. 1921 erhob Papst Benedikt XV. die damalige Apostolische Präfektur Meißen zum neuen Bistum Meißen mit Bischofssitz in Bautzen. Nach 1945 wuchs die Zahl der Katholiken durch Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten Europas. 1979 wurde der Name des Bistums in Dresden-Meißen geändert, der damalige Bischof Gerhard Schaffran verlegte im folgenden Jahr den Bischofssitz nach Dresden. Dort fand 1987 das einzige DDR-weite Katholikentreffen mit mehr als 100.000 Teilnehmern statt. 1994 waren die sächsische Landeshauptstadt und das Bistum Gastgeber des 92. Deutschen Katholikentags. (KNA)