"Der Tag ist schon extrem durchgetaktet"
Ein Christkind? Nur das nicht! Neun Monate lang hatte Michaela von Nocks gehofft, dass ihre Tochter Johanna nicht vor dem errechneten Geburtstermin am 2. Januar zur Welt kommen würde. "Und wenn doch, dann bitte nicht an Weihnachten." Doch alles Flehen war umsonst. Pünktlich am 23. Dezember setzten die Wehen ein. "Als klar war, dass es doch der Heiligabend werden würde, habe ich erstmal losgeheult", erinnert sich die Kölnerin.
Vier Jahre später gibt es an Weihnachten keine Tränen mehr. "Bis Mittag ist der 24. Dezember Johannas Tag", erzählt von Nocks. Alles beginnt mit einem großen Frühstück, dann gibt es zwei oder drei Geschenke - ganz bewusst nicht in Weihnachtspapier eingewickelt. Mittags kommt noch Johannas Lieblingsessen auf den Tisch. "Aber dann ist notgedrungen Schluss mit Geburtstag." Ein wenig komisch sei das schon für die Tochter, aber damit müssten alle Beteiligten nun mal leben.
Nachfeier am Namenstag
Damit die Kleine dennoch nicht zu kurz kommt, wird ihr Namenstag am 30. Mai groß gefeiert. Da gibt es nochmal Geschenke, die Freunde kommen zur Kinderparty, und natürlich bekommt Johanna dann im Kindergarten auch die obligatorische Krone aufgesetzt. Ganz bewusst haben sich die von Nocks' Johanna von Orleans als Namenspatronin ihrer Tochter ausgesucht. "Da ist der Gedenktag ganz weit von Weihnachten entfernt", schmunzelt Mutter Michaela. In der Familie heißt der 30. Mai ohnehin nur noch "Johannatag".
"Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude": So beginnt der Bericht des Evangelisten Lukas über die Geburt Jesu, die Christen alljährlich am 25. Dezember feiern. Das Dossier informiert über die Bedeutung von Weihnachten, bekannte Bräuche sowie spannende Hintergründe rund um das Fest.
Das mit dem Verlegen der Feier kennt auch Bernd Buchner. Der 47-jährige Kulmbacher ist am 23. Dezember geboren - ebenfalls ein ungünstiger Temin für einen Kindergeburtstag. "Um Stress zu vermeiden, hat meine Mutter die Party immer vorverlegt", erinnert er sich, "mit meiner ausdrücklichen Genehmigung." Gestört hat ihn sein ungewöhnlicher Geburtstag eigentlich nie. Im Gegenteil: "Ich finde das noch heute schön, dass die allgemeine Feierzeit dadurch um einen Tag länger wird", betont Buchner.
Nicht ganz so entspannt sieht Doreen Porschen das Thema. Die 28-Jährige hat an Heiligabend Geburtstag und empfand das schon als Kind als einigermaßen stressig. "Am Frühstückstisch drehte sich alles um mich", erzählt die Dürenerin, "aber dann war der Geburtstag auch schon wieder zu Ende." An ein Fest mit Freundinnen war an diesem Tag natürlich nicht zu denken. "Die habe ich dann immer zu meinem Namenstag im Februar eingeladen und daraus jahreszeitgemäß eine Karnevalsparty gemacht."
Frühstück mit Freunden
Heute allerdings ist das anders. "Seit ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne, lade ich meine Freunde direkt am Geburtstagsmorgen zu mir ein", sagt Porschen. Über einen Mangel an Gästen musste sie sich trotz des besonderen Termins nie beklagen. "Manchmal sind 30 Leute da." Allerdings: Spätestens um 14 Uhr muss der letzte Gratulant den Heimweg antreten, denn dann will die junge Frau zum Weihnachtskaffee zu ihrer Oma fahren. Den Abend verbringt sie traditionsgemäß in ihrem Elternhaus. Auch wenn sich dieser Ablauf mittlerweile gut eingespielt hat - "der Tag ist schon extrem durchgetaktet". Vor allem bedauert es Porschen, dass sie schon seit Jahren nicht mehr in der Christmette war: "Nachmittags ist dafür keine Zeit, und am späten Abend bin ich zu fertig."
Durchgetaktet ist der Heiligabend auch im Hause Wiese. Doch Tochter Monika hat das nie als unangenehm erlebt. "Ich habe mich eher gefragt, was die anderen denn so machen, wenn sie den ganzen Nachmittag aufs Christkind warten", scherzt die Bonnerin. Allerdings ist auch nicht sie selbst das Familienchristkind, sondern ihre mittlerweile 71-jährige Mutter. Als Kind habe sie wohl schon manchmal davon geträumt, einmal einfach nur Geburtstag zu haben, weiß Tochter Monika aus Erzählungen. Aber mittlerweile mag sie diesen ganz besonderen Tag.
Los geht's auch bei den Wieses mit einem Geburtstagsfrühstück; nach einem einfachen Mittagessen kommen ein paar Gäste zum Geburtstagskaffee. Nachgefeiert wurde nur ab und an mal, wenn ein runder Geburtstag im Kalender stand. Die Kinder freilich stellt Mamas besonderer Geburtstagstermin vor eine zusätzliche Herausforderung: "Wir brauchen immer zwei Geschenke. Und zweimal kreativ zu sein, ist nicht ganz leicht."
Geburtstags- und Weihnachtsdekoration
Zweimal kreativ sein? "Schön wär's", lacht Nicol Habbas. In ihrer Familie reiht sich im Dezember Geburtstag an Geburtstag. Das I-Tüpfelchen stellt dabei Tochter Charlotte dar, die am 26. Dezember zur Welt kam. "Wenn andere Familien anfangen durchzuatmen, geht es bei uns nochmal richtig los", beschreibt die Kölnerin die Situation. Dann wird der Weihnachtsschmuck mit Geburtstagsdeko kombiniert, statt Stollen kommt eine Geburtstagstorte auf den Tisch, und Geschenke gibt es natürlich auch noch einmal. "Das ist schon ein Gehetze", sagt Habbas, "aber die Kleine soll ja nicht zu kurz kommen".
Nur mit der Kinderparty klappt es an diesem Termin nicht. Charlotte selbst fände das an sich gar nicht schlimm. Die Fünfjährige hätte ohnehin lieber im Sommer Geburtstag, wenn man im Zoo oder auf dem Reiterhof feiern kann. Kein Problem, dachte Mama Nicol schon vor ein paar Jahren, und lud die Freunde kurzerhand zur Namenstagsfeier am 17. Juli ein. Doch leider gab es auch da nur Absagen, denn Mitte Juli ist in Nordrhein-Westfalen traditionell Ferienzeit. Und so findet der Kindergeburtstag seitdem immer im Januar statt. "An Ponyhof ist da natürlich auch nicht zu denken, aber wenigstens haben alle Zeit", sagt Habbas.