"Die Kunst als Jakobsleiter"
Frage: Bischof Hofmann, am 08. Mai wird die Kunst-Biennale in Venedig eröffnet. Auch der Vatikan ist zum zweiten Mal mit einem Pavillon vertreten. Warum ist es wichtig, dass sich der Kirchenstaat an einer solchen Veranstaltung beteiligt?
Hofmann: Die Kunst-Biennale in Venedig zählt zu den weltweit herausragenden Kunstprojekten unserer Zeit. Hier wird dem interessierten Besucher der gegenwärtige Stand der bildenden Kunst eindrucksvoll vor Augen geführt. Da sich in der Kunst der Zustand der Gesellschaft widerspiegelt, sozusagen in der Kunst wie in einem Seismographen gesellschaftliche Vorgänge aufgezeigt werden, ist die Kirche gut beraten, diese wahrzunehmen und ihre eigene Stimme einzubringen. Durch die Teilnahme des Vatikans, der hier weniger als Kirchenstaat auftritt denn vielmehr als Spitze der katholischen Kirche, wird ein Signal ausgesandt, das deutlich macht: Kirche ist an den heutigen Menschen, an ihrem Wohl und Wehe interessiert. Da Kirche von Anfang an ein großer Mäzen und Förderer der Kunst war, ist es gerade heute wichtig, dies auch in der jetzigen vom gesellschaftlichen Umbruch geprägten Zeit zu zeigen. Kirche sucht die Nähe zu den Menschen - auch in der zeitgenössischen Kultur.
Frage: Das Motto des Vatikan-Pavillons lautet "Ursprung". Was können sich die Besucher darunter vorstellen?
Hofmann: Es wird eine Video-Installation auf sechs Bildschirmen zu sehen sein, die von zwei Künstlerinnen und einem Künstler aus Kolumbien, Mazedonien und Mosambik angefertigt wurden. Im Grunde geht es allen Dreien um Beziehung von Jetzt und Vergangenheit, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Dabei soll auch die Beziehung von Kunst und Glaube reflektiert werden. Diese Video-Installation wird sicherlich viele Fragen aufwerfen, aber auch neugierig auf die Bemühungen der Kirche machen, das Ursprüngliche im Heute zeitgemäß zu verkünden.
Frage: Das Thema Kunst und Kirche wird häufig diskutiert. Wie ist das Verhältnis der beiden zueinander?
Hofmann: Mit dem Beginn der Neuzeit löste sich im Abendland die Kunst – wie auch die Philosophie – aus ihrer kirchlichen Beheimatung. Sie wollte nicht länger "Dienerin der Theologie" sein. Ein weiterer Sprung ergab sich im 19. Jahrhundert, als sich die Kunst aus dem selbst gewählten Elfenbeinturm des Akademismus löste und auf die Straße ging, um von den Menschen verstanden zu werden. Mit dem Impressionismus, dem Expressionismus und der anderen neuen Kunstrichtungen brach aber eine Kluft des Unverständnisses auf, die das Verstehen des Kunstwerkes so erschwerte, dass de facto oft ein zeitlicher Generationenabstand nötig ist, damit breite Kreise ein Kunstwerk wirklich annehmen können. Diese durchaus im autonomen Kunstverständnis beheimatete Problematik fällt in unsere Zeit und verbindet sich oft mit der Rede von einer Krise zwischen Kirche und Kunst. Diese kann nicht ohne weiteres geleugnet werden. Der Theologie kommt die Aufgabe zu, den Menschen mit seinen Fragen, Sorgen und Ängsten im Blick auf sein Heil abzuholen und in den Raum Gottes zu führen. Kunst – in welcher Form auch immer – soll nicht museal im Kirchenraum behandelt werden. Sie soll vielmehr in ihrer Eigenwirklichkeit erkannt und gefördert werden. Das Kunstwerk hat – anders als das Wort – eine eigene prägende Kraft, die die Glaubensbotschaft auf die je eigene Weise vermitteln kann.
Frage: Für viele ist Kunst einfach nur teuer. Was entgegnen Sie Kritikern? Warum gehören Kunst und Kirche zusammen?
Hofmann: Bei seinem ersten Deutschlandbesuch 1980 sagte Papst Johannes Paul II. vor den Künstlern und Publizisten im Münchener Herkulessaal: "Wenn die Kirche auf das 'Aggiornamento' bedacht ist, auf das Heutigwerden des christlichen Glaubens, seiner Weisungen und Verheißungen, dann ist zu sagen: Nirgends wird die Situation, das Lebensgefühl, aber auch der Fragehorizont des heutigen Menschen so eindrucksvoll dargestellt wie in der heutigen Kunst und Publizistik. Darauf ist die Kirche verwiesen und angewiesen. Wenn der christliche Glaube als Wort und als Antwort für die Menschen vermittelt werden soll, dann müssen die Fragen dazu genannt und bewusst gemacht werden. – Die Kirche braucht die Kunst." Deshalb kann Kirche nicht auf Kunst verzichten und ist selbst gefordert, auch heutige Kunst zu fördern.
Jeder Ortskirche ist es aufgetragen, das große kulturelle Vermächtnis der Kirche zu schützen
Bischof Friedhelm Hofmann
Frage: Wie engagiert sich die Kirche für den Erhalt des teilweise jahrtausendealten Kulturerbes?
Hofmann: Jeder Ortskirche – das heißt den Bistümern - ist es aufgetragen, das große kulturelle Vermächtnis der Kirche zu schützen. Dazu gehören nicht nur Architektur und Kunstwerke, sondern auch die Literatur und die Musik. Bei uns in Deutschland werden die Kirchen - oft mit großem Aufwand - sachgemäß restauriert. Aber auch die kirchlichen Schatzkammern, die Diözesanmuseen, Archive und Bibliotheken pflegen das große Erbe. Eigene Bau- und Kunstabteilungen in den Ordinariaten und Kunstkommissionen arbeiten mit vielen Wissenschaftlern und Fachleuten zusammen, um das reiche Kulturerbe zu erhalten.
Frage: Können Gläubige etwas aus der Kunst lernen?
Hofmann: Kunst - sofern sie dies auch ist - offenbart seismographisch Vorgänge der jeweiligen Zeit und schlägt den Bogen von der sichtbaren empirischen Erfahrung in die transzendente Wirklichkeit Gottes. In diesem Zusammenhang spreche ich gerne von der Kunst als Jakobsleiter. Über die Kunst erhält der Betrachter einen eigenen Zugang zu dem Geheimnis Gottes, das sich eben besonders in der Schönheit offenbart. Kunst in der Kirche ermöglicht dem Besucher und Beter den in Kunstwerke geronnenen Glauben unserer Vorfahren aufzunehmen und selbständig weiter zu vertiefen. Manchmal hinterlässt das Bild noch stärker als das Wort eine bleibende Gotteserfahrung.
Frage: Kunst testet auch immer wieder Grenzen aus. Gibt es für Sie einen Punkt, den Kunst - auch mit Blick auf religiöse Themen - nicht überschreiten sollte?
Hofmann: Ja. Kunst ist autark und muss in ihrer Eigenständigkeit akzeptiert werden. Selbst das Böse hat dort seinen Platz und darf dargestellt werden. Aber es darf nicht zur Verherrlichung des Bösen führen. Auch das Scheitern, auch die Katastrophe hat im religiösen Sujet ihren Ort. Papst Johannes Paul II. geht sogar noch weiter. Er sagt, dass selbst das Böse in der Kunst seine Berechtigung hat, so lange es das Böse als solches charakterisiert und nicht verherrlicht. Das ist der springende Punkt: Katastrophen, Leid und Zweifel gehören zur menschlichen Existenz und haben auch eine Berechtigung, innerhalb des kirchlichen Raumes vorzukommen, aber eben auf dem ihnen zugewiesenen Platz. Kunst darf nicht für sich einen Freiraum beanspruchen, der die Gefühle und Wertvorstellungen anderer Menschen mit Füßen tritt. Etwa in dem Streit um die Karikaturen wurde deutlich, dass die eigenen Grenzen im Blick auf die Freiheit der anderen gewahrt werden müssen.
Bischof Friedhelm Hofmann (*1942 in Köln) ist seit 2004 Bischof von Würzburg, zuvor war er Weihbischof im Erzbistum Köln. Hofmann ist Vorsitzender der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz und Mitglied der Kommission für Wissenschaft und Kultur.
Frage: Die Bischofskonferenz hat im Rahmen der Jubiläumsfeiern des Zweiten Vatikanischen Konzils ein eigenes Kunstprojekt ins Leben gerufen. Wie steht es um das Projekt?
Hofmann: Ausgehend von dem herausragenden Dokument "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils (1965) soll in diesem Jubiläumsjahr ein deutschlandweites Kunstprojekt durchgeführt werden, das auf Augenhöhe Kirche und Gesellschaft miteinander in Kontakt bringt. In der angesprochenen Pastoralkonstitution, die eine neue Sicht auf die Aufgaben der Kirche in unserer Gesellschaft wirft, heißt es: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi."
Diese Worte sollen nun in unterschiedlichen Kunstprojekten zwischen Konstanz am Bodensee und Schillig an der Nordsee im Fokus der unterschiedlichen Kunstdisziplinen wie Theater, Literatur, Musik, Film und bildende Kunst stehen.
Frage: In vielen Kirchen befinden sich Kunstobjekte, auch viele Gotteshäuser selbst sind als Kunstwerk berühmt und denkmalgeschützt. Welches Kunstwerk ist Ihr persönlicher Favorit?
Hofmann: Hier kann ich nicht nur ein einziges Kunstwerk benennen, denn es sind in der Tat viele. Angefangen vom Kölner Dom, in dessen Schatten ich 35 Jahre leben und wirken durfte, über den hiesigen Würzburger Dom, der mir als Wegkirche lieb und teuer geworden ist, über das große Apokalypse-Gemälde von Georg Meistermann in Regina-Martyrum in Berlin bis hin zur Heinz-Mack-Kapelle im ehemaligen Neußer Collegium-Marianum und vielen Werken von Gerhard Richter, Bert Gerresheim, Paul Nagel reicht mein Interesse und meine Wertschätzung. Dankbar darf ich feststellen, dass die Kirche auch heute noch eine große Mäzenin der Kunst ist. Mögen die Menschen dies erkennen und anerkennen.