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Altphilologe Zimmermann zu Papst und Latein

Die tote Sprache lebt

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Eine lateinische Bibel.
Freiburg - Ob der Papst seine Rücktrittsrede auf Latein vorträgt oder die katholische Kirche auf Lateinisch betet: Nach Einschätzung des Bundesvorsitzenden des Deutschen Altphilologenverbandes, Bernhard Zimmermann, hat das kaum Auswirkungen auf die Verbreitung der lateinischen Sprache an deutschen Schulen und Hochschulen. Dennoch hat das Fach in den vergangenen 15 Jahren einen Boom erfahren, wie der Freiburger Professor in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläuterte.

Frage: Herr Professor Zimmermann, freut es einen Altphilologen, wenn der Papst seinen Amtsverzicht auf Latein verkündet?

Zimmermann: Sicher hat es mich gefreut, weil die Menschen dann sehen, dass die lateinische Sprache doch noch lebendig ist.

Frage: Nicht mal alle anwesenden Kardinäle sollen verstanden haben, was der Papst da sagte. Sollte er solche wichtigen Ankündigungen nicht doch lieber in einer allgemein verständlichen Sprache kundtun?

Zimmermann: In jeder anderen großen Organisation oder den großen Unternehmen wäre so etwas auf Englisch transportiert worden. Aber der Papst gilt ja als Liebhaber des Latein. Und er wollte sich sicher bewusst in diese Jahrtausende alte Tradition der Kirche stellen.

Papst Benedikt XVI. schreibt am Schreibtisch
Papst Benedikt XVI. bei der Arbeit.

Frage: Sollte die Kirche aus der Sicht des Altsprachlers mehr lateinische Gottesdienste feiern?

Zimmermann: Die normalen Gottesdienste würde ich immer auf Deutsch halten, damit die Kommunikation zwischen Priestern und Gläubigen stimmt. Aber natürlich genieße ich es, wenn beispielsweise in einer Festmesse Gesänge auf Latein erklingen, etwa aus Mozart-Messen.

Frage: Nutzt es dem Fach Latein, wenn ein Papst die Sprache fördert?

Zimmermann: Nein, ob die Kirche Latein spricht oder nicht, hat auf die Zahl der Schüler oder Studenten kaum Auswirkungen. Das registriert kaum noch jemand. Da spielen andere Faktoren eine Rolle.

Frage: Und welche sind das?

Zimmermann: Das Fach hat ja in der Schule seit 10, 15 Jahren eine neue Blüte erfahren. Und zwar vor allem aus didaktischen Gründen: In vielen Schulen wird Latein in den fünften und sechsten Klassen parallel zu Englisch oder Französisch oder Spanisch angeboten. In den modernen Sprachen wird dabei großer Wert auf Kommunikation gelegt, und das grammatische Verständnis wird gegenüber früher deutlich weniger berücksichtigt. Da kann Latein dann als Ergänzung dienen, damit die Schüler die Struktur und das Wesen einer Sprache verstehen. Viele Schulen registrieren durch diese Kombination von gesprochener und reflexiver Sprache große Lernerfolge.

Frage: Ist Latein nicht doch eher ein Instrument der Abgrenzung und der Status-Sicherung?

Zimmermann: Das ist sicherlich nicht so, zumal ja das alte humanistische Gymnasium in der von früher bekannten Form nicht mehr besteht. Sicher bedeutet Latein - neben der gerade beschriebenen didaktischen Funktion - auch intellektuelle Herausforderung. An der Uni Freiburg beispielsweise hat sich ein Debattierclub gebildet, der auf Latein diskutiert. Das klappt sehr gut und ist sehr unterhaltsam. Gleiches gilt etwa für Nachrichten in lateinischer Sprache oder das im Vatikan erstellte Lexikon, das moderne Begriffe ins Lateinische übersetzt.

Frage: Sie sprachen von einer Blüte des Lateins. Ist denn die Zahl der Lateinschüler zuletzt gewachsen?

Ich genieße es, wenn beispielsweise in einer Festmesse Gesänge auf Latein erklingen, etwa aus Mozart-Messen.

Bernhard Zimmermann, Bundesvorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes

Zimmermann: Mittlerweile belegen wieder zwischen 30 und 33 Prozent aller Gymnasiasten Latein - damit kann Latein mit modernen Fremdsprachen wie Französisch und Italienisch gut mithalten. Vor 15 Jahren waren es unter 20 Prozent. Diese Blüte hat zwischenzeitlich zu einem großen Lehrkräftemangel an Schulen geführt. Und mittlerweile ist die Zahl der Studierenden, die Latein für das Lehramt belegen, an vielen Unis um mehrere Hundert Prozent angewachsen.

Frage: Wird diese Zahl nicht durch die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge wieder zurückgehen, die keine Lateinkenntnisse mehr verlangen?

Zimmermann: So lange in den Schulen Bedarf an Latein-Lehrern besteht, sehe ich das nicht. Und man kann darauf hinweisen, dass trotz des Wegfalls von Latein als Studienvoraussetzung in den meisten Fächern die Zahl der Latein-Studierenden stetig wächst und selbst die Latinum-Kurse so gut belegt sind wie früher.

Frage: Als Altsprachler sind Sie auch für das Griechische zuständig. Wie ist die Situation da?

Zimmermann: Während das Latein blüht, fristet das Griechische, das ja eigentlich für unsere Kultur noch wichtiger ist, nur noch ein Schattendasein. Gerade mal ein Prozent der Gymnasiasten belegt das Fach. Allerdings hat Altgriechisch auch nicht diese wichtige didaktische Funktion für das Erlernen von Sprachen. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, den Schülerinnen und Schülern kulturelle und literarische Kompetenz zu vermitteln, ihnen zu zeigen, wo die kulturellen Grundlagen Europas liegen, ihnen eine Einführung in philosophisches Denken zu geben - etwa zu Platon und Aristoteles -, ihnen die Grundlagentexte unserer Literatur zu eröffnen, etwa zu Homer, Tragödie und Philosophie - und vieles mehr.

Von Christoph Arens (KNA)

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