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Wie der November zum Gedenkmonat wurde

"Diese süße Lust an der Traurigkeit"

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Ein rotes Laubblatt liegt in einer Pfütze.
Bonn - Der November wird häufig als düster und traurig angesehen. Doch woher kommt das? Und kann man ihm auch etwas Positives abgewinnen? Ein Interview mit dem Theologen Manfred Becker-Huberti.

Frage: Herr Becker-Huberti, warum wird der November als trauriger Monat wahrgenommen?

Manfred Becker-Huberti: Viele Menschen unseres Kulturkreises nehmen den November als dunkel-nasse Phase des Jahres wahr. Die Gedanken kreisen gerne um Sterben und Tod. Ärzte diagnostizieren vielfach eine saisonal abhängige Depression. Unter diesem "Winterblues" leidet immerhin 25 Prozent der Bevölkerung, anteilig mehr Frauen als Männer. Das reduzierte Sonnenlicht soll für den Hunger auf Süßes und das höhere Schlafbedürfnis ursächlich sein.

Frage: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Totensonntag – warum liegen all diese Gedenktage genau im November?

Becker-Huberti: Teilweise bis in das 9. Jahrhundert wurden die Sammelfeste für Heilige und Verstorbene im österlichen Umfeld gefeiert. Bindeglied war der Glaube an die Auferstehung. Als diese Idee verblasste, wurde der 1. November Winterbeginn und Jahresanfang. Hintergrundfolie ist nun nicht mehr Ostern, sondern die sterbende Natur, durch die die ewige Welt der Heiligen sichtbar wird. Durch die irisch-schottischen Missionare gelangte das Allerheiligenfest am 1. November im 9. Jahrhundert auf den Kontinent. Die jüngeren, teils konfessionell bedingten alternativen Festtage wurden bewusst in diese Jahresphase gelegt, weil sie eine ähnliche Bedeutung haben.

Manfred Becker-Huberti
Manfred Becker-Huberti ist katholischer Theologe, Experte für religiöse Volkskunde und Honorar-Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar in Rheinland-Pfalz.

Frage: Wie kam es, dass der November bei den Katholiken zu einem Gedenk- und Besinnungsmonat wurde?

Becker-Huberti: Abgesehen von der irisch-schottischen Vorgabe unserer Missionare eignet sich der November für das Gedächtnis, weil die Natur das besinnliche Umfeld liefert und weil die Feldarbeit, die wesentliche Beschäftigung unserer Ahnen, unterbleibt. Es gibt Zeit für Besinnlichkeit.

Frage: Worin unterscheiden sich denn die katholischen von den protestantischen Gedenktagen?

Becker-Huberti: Weil die Heiligen nicht im evangelischen Fokus stehen und nach Meinung der Reformatoren den Verstorbenen durch Gebet und Buße nicht vor Gott geholfen werden kann, unterscheiden sich die Feste voneinander. Gemeinsam ist ihnen aber das Wissen um die Einheit von Lebenden, Toten und noch nicht Geborenen. Gemeinsam ist ihnen auch das Wissen darum, dass wir selbst sterben müssen und es klug ist, sich darauf vorzubereiten.

Frage: Und welchen Zweck verfolgt der staatliche Gedenktag?

Becker-Huberti: Der Totensonntag ist durch Friedrich Wilhelm III. von Preußen am 25.11.1816 offiziell eingeführt worden. Der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist eher eine allgemeine religiöse Totenfeier und ein Kriegs- oder Heldengedenken. Wenn man die Toten als ein Teil der Menschheit versteht und wenn der Tod als Tor zum ewigen Leben verstanden wird, versteht man, warum der Totensonntag auch Ewigkeitssonntag genannt wird. Den Totensonntag darf man überkonfessionell und staatlich verstehen, auch wenn man das Gedenken an die Kriegstoten nicht martialisch missverstehen sollte.

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Frage: Wie lässt sich die Botschaft dieser Gedenktage heute noch vermitteln?

Becker-Huberti: Am besten geht es ehrlich, wenn man nämlich die eigenen Gedanken mit denen der Festbegründung verbindet. Die Botschaft will jeweils aktualisiert werden: Wie haben es die Altvorderen gemeint und was sagt uns das heute? Weil wir in einem ständig gleichbleibenden Fluss eines ewigen Jetzt zu leben scheinen, haben wir es mit der Vergänglichkeit schwer.

Frage: Gibt es eigentlich auch etwas Positives am November?

Becker-Huberti: Wenn ich der Depression den Eintritt in mein Seelenleben verbiete, aber die Melancholie einlasse, diese süße Lust an der Traurigkeit, kann ich der dunklen Jahresphase Positives abgewinnen. Man kann seinen Gedanken nachhängen, von Gestern und von Morgen träumen. Mit Kerzen und Kuscheldecke – alternativ für ältere Herren tut es auch ein gutes Glas Rotwein – geht das besonders gut. Wir müssen Muße erst wieder neu entdecken, weil uns stets die Handys den Weg versperren.

Linktipp: Lichter für die Toten

Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November sind in der Praxis zu einem Doppelfest verschmolzen. Wir erklären, worum es dabei geht. Besonders an Allerheiligen ist das Totengedenken nur ein Teilaspekt.

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